Privates Gymnasium St. Paulusheim, Bruchsal
 
Privates Gymnasium St. Paulusheim, Bruchsal

Reise durch die Normandie - Oktober 2011

29. September - 3. Oktober 2011

ein Bericht von Manfred Berberich

Kirche Saint-Étienne-le-Vieux in Caen

Einleitung

Die Landschaft im Département Calvados ist geprägt von kleinteiliger Gliederung: hügelige Fläche mit viel Gebüsch und Hecken. Der Anblick mutet uns schon fremd an und ist für die Augen so wohltuend, wenn man großflächiges flurbereinigtes Land gewohnt ist. Die Landschaftsform ist auch die, die der Natur gut tut und schon seit Jahrhunderten so im Calvados besteht. Man nennt sie „bocage“. Sie regelt effizient den Feuchtigkeitshaushalt des Bodens und bewahrt einer reichhaltigen Fauna den Lebensraum.
Der Begriff der bocage-Landschaft ist aber auch negativ besetzt durch die Erinnerung an die zähen Kämpfe nach der Invasion der alliierten Truppen im Juni 1944, die durch diese Topographie begünstigt wurden. Damit ist sie zum Teil schuld an den hohen Verlusten an Menschenleben, und so kann man sie auch als Symbol für schmerzhafte oder zumindest zwiespältige Eindrücke während der Reise verstehen.

Es war eine denkwürdige Reise mit vielen intensiven Momenten, die ich so wiedergeben möchte, wie ich sie erlebt habe. Im Nachhinein verstand ich, daß die meisten dieser intensiven Momente um ein Thema kreisten, das uns begleitet und mehrmals sehr bewegt hat: Krieg, Frieden, Freiheit. Wir haben dazu quasi einen Kursus in Geschichte über 1000 Jahre hinweg an Ort und Stelle gehabt. Ich werde versuchen, dem in Prosa gerecht zu werden.
Alles andere, was unter die Rubrik „Vermischtes“ fiele, gebe ich in Versen wieder. Auf jegliche chronologische Ordnung und auf Vollständigkeit verzichte ich.

Reisen

Viele Formen gibt es für das Reisen.
Sie zu vergleichen ist ein heißes Eisen.
Betrachten, tiefer geh’n, Kontemplation
zeichneten oftmals uns‘re Reisen aus.
Diese Fahrt war wiedrum eine Invasion
der Normandie – gewiß, wir fuhr’n beglückt nach Haus.
Doch hatte ich, wohin wir gingen, das Gefühl,
daß Invasion da war in vollem Gange;
der langen Kilometer letztes Ziel
war oftmals eine lange Schlange:
Von Giverny bis Honfleur und Trouville
Staus und Menschen viel, viel viel.

Willst du Highlights aneinander reih’n,
mit Welterbestatus obendrein,
mußt viele Kilometer fahren du.
Die Menschenmassen mußt ertragen noch dazu,
gehst wieder rasch hinweg, hast wenig Ruh –
die vorgegebne Zeit ist um im Nu.

Mal hatten wir mit Menschenmassen Mühe,
mal fühlten wir uns eher wie die Kühe;
die sind glücklich, still und machen höchstens muh.
Kurzum, wir hatten beides, Rush und Ruh‘.

Monet

Der große Maler Claude Monet
liebte Rosen auf dem See -
Hunderte von Malen malt‘ er sie,
vom Boot aus auf dem Wasser, das Genie.
Impressionismus war der neue Stil.
Die Maler wurden erst verlacht und dann zerstreut.
Der Krieg von achtzehnsiebzig trieb sie ins Exil.
In höchsten Ehren steh’n sie aber heut.
Monet kam wieder, kaufte Giverny,
malte Blumen; wir bewundern sie.
Brave Kinder war‘n auch da, die malten,
Blumen oder andere Gestalten,
und auch wir, wir machten unsre Bilder brav;
auf jedem Bilde war ein andrer Photograph.

Vom frühen Aufsteh’n schon geschlaucht und von der Fahrt,
war der Beginn in praller Sonn‘ und Menschenmenge hart.
Ich muß gesteh’n, man hätt‘ sich vorbereiten müssen,
um zu genügen den bedeutungsvollen Sehgenüssen.
Ja, hinter Giverny, da war ich müd;
man war um vier Uhr aufgestanden.
Man wußte nicht, was einem heut noch blüht,
vielleicht in einer Großstadt schlafzuwandeln.
Doch sagt man sich, die schöne Stadt Rouen,
die seh’n mer uns noch in Ruh an.

Rouen

Und dann fand die Gruppe beim Altstadtrundgang einen schönen Rhythmus. Die Gruppe und die Führerin fanden ihren Rhythmus, d.h. in den Wechsel von Hören, Schauen, Assoziieren, Verarbeiten und emotionaler Teilnahme kommen, im angemessenen Tempo des Verweilens und Vorübergehens.
In so großer Dichte versammeltes Fachwerk wie in der Altstadt von Rouen versetzt einen in Ehrfurcht. Man möchte in die vergangene Zeit eindringen. Da ist es besonders wertvoll, kundig belehrt zu werden. Am Beispiel des großen Hospizes für die Pestkranken aus dem 17. Jahrhundert, ganz in Fachwerk gebaut, als Schweigen herrschte und die Führerin leise sprach, da war spürbar, wie solches Einlassen auf den Ort, solcherlei Begegnung mit der Vergangenheit allen nahe ging.
Es ging hier um eine Krankheit, die Pest, in Wahrheit aber ging es um das Thema Leben und Sterben. Und es war mit einem Mal auf dieser Reise die innere Ruhe da.

Vor der Kathedrale war eine blendende Masse hellen Gesteins mit einer überwältigenden Formenfülle in Ornamenten und Figuren auf der Fassade das Gegengewicht zur vorherigen bedrückenden Stimmung, die die Symbole des Todes verbreitet hatten. Hier an der Kathedrale strahlt himmlischer Glanz herab. Hier kommt das Licht schon außen über die Menschen des Mittelalters, deren Alltag in dunkeln Häusern verläuft und von Sorge um Gesundheit, Nahrung und Sicherheit bestimmt ist. Der Staub und der Lärm der Arbeiten an der Kathedrale konnten unsere Gelassenheit und Bewunderung nur wenig stören.
Drinnen aber regierten die Gesetze der Gotik vollends. Das eine bestimmende Element der Gotik ist die Höhe. Durch die hoch aufstrebenden Säulen ergibt der Eintritt in ein solches Hauptschiff immer ein spontan erhebendes Gefühl. Der Blick geht immer aufwärts. Und natürlich erfuhren wir hier Näheres über die revolutionäre statische Neuerung der Gotik, die ihr erst solche Höhen erlaubte, nämlich das Gewicht der Decke nicht auf die gesamte Seitenwand sondern nur auf einzelne Punkte abzuleiten. Das geschieht durch Grate, die dann, wenn der Bau entsteht, in der Gesamtheit erst mal wie ein Skelett anmuten.
Dieses braucht nur noch aufgefüllt zu werden. Das Gewicht der Füllung wird in der Decke auf die Grate abgeleitet. Die Füllung der Seitenwände bleibt gänzlich ohne statische Relevanz. Außen aber muß das Bauwerk genau an den Stellen, wo die Gurte das Gewicht an die Pfeiler weitergeben, durch Strebebögen und Strebepfeiler gestützt werden, was aber ebenfalls wieder zum ästhetischen Gesamteindruck beiträgt.
Das eine Element der Gotik ist also Höhe, in der Dimension bis dahin unerhört. Es erzeugt in den Menschen, um das einmal mit Peter Sloterdijk auszudrücken, „Vertikalspannung“, oder anders gesagt, eine Art Überwirklichkeit oder Ehrfurcht. Denn der Raum geht in den Himmel hinein.

Das zweite Element der Gotik mag damals aber das noch wichtigere gewesen sein, denn es birgt noch mehr Transzendenz. Es ist das Licht. Es ist nun durch die Öffnung der Wände gegenwärtig im Innenraum. Und es repräsentiert Gott, Erkenntnis, das Universum. Dazu kommt die Farbenfülle. Rouen hat sogar Glasfenster aus dem 12. Jahrhundert bewahrt! So wird also die Bautechnik, die durch statische Entlastung der Wände deren Öffnung ermöglicht, zur Trägerin des wichtigsten religiösen Elementes, zur Ursache für das Gefühl religiöser Erhabenheit und Vollkommenheit, die sich im Bild des himmlischen Jerusalems ausdrückt. Die Vorstellung des himmlischen Jerusalem wird weiterhin noch befördert durch die reiche Figuren- und Symbolsprache innerhalb und außerhalb des Bauwerks.

Nach dem Besuch der Kathedrale folgte unser Gang durch das alte Zentrum von Rouen. Und da war es eine belebte, junge Stadt: viele junge Leute, Studenten. Wir bekamen eine ganz erstaunliche Information von unserer Führerin. Auch diese Altstadt war im Krieg zu 80% zerstört, aber sie wurde danach in ihrer vorigen Gestalt wiederhergestellt. Wie war das möglich gewesen? Auch Frankreich ging es nach dem Krieg wirtschaftlich sehr schlecht. In Caen, in Lisieux, in Pforzheim, in Bruchsal gewinnt man keine Vorstellung mehr davon, wie die Stadt vorher einmal ausgesehen hat.

Die Reise war für alle ein Gewinn.
Wir hatten eine Reiseleiterin,
die mit viel Erfahrung und Geschick
den Ablauf und die Räume plante und den Blick
auf das Wesentliche lenkte,
ihm gebührend Zeit auch schenkte.
Ihre Leistung war sehr ordentlich,
engagiert, gut vorbereitet, deutlich, nich?

Die Kirche Ste. Jeanne d’Arc in Rouen

So gab es in Rouen zum Abschluß den ganz unerwarteten Höhepunkt. Für uns Besucher war der Eindruck ebenso unerwartet wie überwältigend, als wir ins Innere der Kirche Sainte Jeanne d’Arc traten. Schon von außen hat sie eine sehr unkonventionelle Form; sie sieht aus wie ein umgestülptes Schiff oder ein Fisch mit Flossen. Die Assoziation ist naheliegend: ein Schiff zum Meer, denn Rouen ist Hafenstadt. Nicht zu vergessen: diese Kirche ist das Zentrum der Stadt. Sie steht mitten auf dem alten Marktplatz, und sie ist direkt verbunden mit den heutigen Markthallen.

Der Innenraum aber hat etwas Majestätisches. Er nimmt gefangen durch eine Ausstrahlung, die Besinnung herausfordert, zu Meditation einlädt, durch eine ästhetisch-harmonische Einheit der Formen, der Farben, des Materials in einem großen, durch keine Pfeiler oder Wandelemente unterbrochenen Gesamtraum. Wenn man drin ist, entsteht der Wunsch zu verweilen und sich in die Details zu verlieren oder einfach die Raumatmosphäre in sich aufzunehmen.

Diese Kirche vereinigt die Gegensätze: Formen der Gotik verschmelzen mit solchen der Gegenwart und der Schiffahrt. Symbole des Wassers mit der Welle und solche des Feuers mit der Flamme vereinigen sich. Nehmen wir nur die Kerzen vor der Jungfrau in der Nische, oder die Flammen des „Gothique flamboyant“ oder die Formen des Daches der Markthalle, die an die Verbrennung der heiligen Johanna von Orléans auf dem Scheiterhaufen erinnern. Denn hier auf diesem Platz wurde sie hingerichtet. Und ebenso verschmelzen geistliches und profanes Leben auf diesem Platz in Rouen: der geistliche Inhalt in der Kirche und das weltliche Leben in der Markthalle und in der gesamten Umgebung. Das sind faszinierende architektonische Formen, außen wie innen, und um diese „Kirche“ herum läuft ein sehr lebhaftes Alltagsleben ab.

Essen in Frankreich

Nur ein ein paar Schritte vom Marktplatz entfernt gab es ein Schaufenster mit den köstlichsten, farbenprächtigsten Confiserien. Junge Menschen, wohl ein Studentenpaar, standen davor, starrten hinein – genauso wie wir, malten sich die möglichen Genüsse aus und verschlangen die Miniaturkuchenstücke mit den Blicken.

Fast hätte ich das doch vergessen:
Frankreich und das Thema „essen“!

Aber am Samstag Abend im Calvados-Betrieb Apreval, und am Sonntag Abend in Trouville und am Montag Mittag in Paris, da ging es doch noch ausführlich um Essen und Trinken in Frankreich. Und es gibt ja in der Normandie insbesondere den Käse – sehr gut war er schon beim Frühstück…

Beim Thema „essen“ wär bemerkenswert:
Wir hab‘n das Frühstück mit Genuß verzehrt.
Hat man nachts mal nicht so gut geruht,
war zum Trost das Frühstück richtig gut.
Das ist’s, was zu Beginn des Tages dir gut tut.
Besonders überzeugt‘ uns Qualität
Bei allem, was da vor uns steht.
Man brauchte schon mal eine Portion Mut,
wollte man da alles ausprobieren,
ohne sich dabei doch zu genieren.
Verschiedne Speisen gab’s in großer Menge;
vor ihnen war darum auch stets Gedränge.
Man mußte seinen Kaffee gut jonglieren
Und hatte Angst, die Hälfte zu verlieren.
Die letzten beiden Mahlzeiten, die waren,
so dacht‘ ich mir, bevor zurück wir fahren,
als Beispiel auserseh’n, damit du weißt,
was französisch essen heißt.
Was Selt’nes ist für uns, wenn auf dem Tisch
zubereitet steht ein wirklich frischer Fisch.
Als Meeresmahlzeit war das schon sehr gut:
Miesmuscheln als Entree in ihrem Sud,
als Hauptgang Kabeljau frisch aus der See,
zum Schluß als Nachtisch Calvados-Sorbet,
Normann’sches Loch genannt, das „Trou Normand“ –
darauf reimt sich leider nix, nur Caen.

Geflügel wartet auf uns in Paris:
Entenbrust zu Chicoree mit Biß,
dann saftig eingelegter mag’rer Entenschlegel;
in Deutschland ist so was ja nicht die Regel,
erst recht nicht eine schmelzend zarte Crème brûlée
auf Madagaskarvanillgrund aus Übersee.

Rhythmus

Am zweiten Tag, dem Freitag, wurde etwas klar: die Gruppe ist so geartet, daß ein Unbehagen entsteht, daß trotz aller Attraktivität ganz außergewöhnlicher Besuchsziele das Gefühl eines Nicht-Befriedigt-Seins entsteht, wenn man etwas nicht vertieft, wenn man also z.B. am Chor hinter der riesigen, stilreinen und historisch durch Wilhelm den Eroberer so bedeutenden Abteikirche „Abbaye aux Hommes“ in Caen steht und nicht hineingeht, auch nicht ihre Fassade sieht - die Kirche gilt ja in Büchern oft als Musterbeispiel für die normannische Gotik.
Ein Nicht-befriedigt-Sein entsteht auch, wenn man in einem unglaublichen Tempo durch Kopfhörer-Führer dem berühmten Teppich in Bayeux entlanggeschleust wird. Und ein Unbehagen entsteht, wenn man nach Arromanches fährt und sich dort nicht wirklich mit den Kriegsereignissen im Sommer 1944 beschäftigt.
Und ein Nicht-befriedigt-Sein ist auch dann nicht zu unterdrücken, wenn man eine so lange Fahrstrecke auf sich genommen hat, um den Mont-Saint-Michel zu sehen, und sich dann dem Fahrziel nicht gebührend widmen kann.

Zwei Umstände haben jenen Tag gerettet: Das war einmal die Außergewöhnlichkeit und der Berühmtheitsstatus des Monuments Mont-Saint-Michel, besonders auch das Geschick der Reiseführerin, uns aus dem Pulk der Masse herauszuhalten und zu dirigieren, ihre Entschlossenheit, das Ziel durchzusetzen.
Zum andern war es jene zauberhafte Stimmung am Abend der Besichtigung der idyllisch gelegenen Cidrerie bei Honfleur, gewiß auch unterstützt von der Gelassenheit und Freundlichkeit der dortigen Mitarbeiterin. Wir lernten viel über die Herstellung von Cidre und Calvados.

Normandie Symbole

Im Departement Calvados…
fressen Kühe unter Apfelbäumen Gras
Und verwandeln es sodann in Käse.
In gleicher Weise bringt der Bauer Äpfel in das Glas
und verwandelt sie im Brenngefäße.
Da gibt es Camembert und Pont l’Evêque und Livarot,
Und es gibt Cidre, Calvados und den Pommeau.
Nach Abschluß unsrer Reise frag ich Sie:
Was ist für Sie Symbol der Normandie?
Ich fragte wen, was sein Symbol denn wär‘;
Er sagt, auf jeden Fall der Camembert.
Ein zweiter sagte gleich, das ist doch Käse;
der Cidre wär‘ das edlere Produkt.
Ungläubig hat ein dritter da geguckt
un hot gsaat, er hätt des doch gelese,
in Fraache kummt doch do wohl bloß
eine Antwort: Calvados!
Abgelehnt! Am meisten wär‘ bekannt,
sagt der Vierte, Meer und Strand,
und das nicht nur wegen dem Sand
und dem langen Küstenland.
Nein, nur der Alliierten tapfre Landung,
Juni vierundvierzig, in der Brandung,
gäb‘ der Region das Renommee.
Sie verkünde Frieden, peace, la paix,
und ihre Botschaft sei: nie wieder Krieg.
Vergessen soll man Heil und Sieg.

Krieg

In Gesprächen konnte man erfahren, daß doch manche von uns Reiseteilnehmern durch nahe Verwandte direkt mit den Kriegsereignissen in der Normandie verbunden und von ihnen betroffen waren. Es hat viele deutsche Soldaten gegeben, die auf französischen Bauernhöfen gut aufgenommen waren und dort hilfreich am Leben teilgenommen haben. Dorthin wollten viele später unbedingt zurückkehren. Aber von den Kriegsereignissen selbst wollte man schweigen: vielleicht, damit diese nicht zurückkommen.
Der Besuch des Friedhofes hat viele von uns sehr bewegt. Es ist etwas anderes, dort zu stehen, oder nur darüber zu reden. Manche standen nur still da, wenige gingen durch die Reihen, manche sprachen leise miteinander. Der Besuch eines Soldatenfriedhofes sollte jedem jungen Menschen angetragen werden, so wie der Besuch eines Konzentrationslagers für jeden Schüler während seiner Schulzeit Pflicht sein sollte, natürlich mit der gebührenden Einbettung in den Unterricht.
Die in der Normandie gefallenen Soldaten der alliierten Truppen haben ein eigenes Grab oder haben zumindest eine steinerne Grabstele aus dem schönen weißen Kalkstein der Normandie, in einem Beet, das mit Blumen geschmückt ist. Ein großes weißes Kreuz und eine ummauerte Gedächtnisstätte erhöhten die Würde des Ortes. Von ihm führte eine geschwungene Allee zum Friedhof der gefallenen deutschen Soldaten, der Feinde, der dadurch zunächst den Blicken verborgen war. Die Allee heißt Allee des Friedens.

Die Grabkreuze deutscher Soldaten sind in Frankreich stets verschieden von anderen, sie sind häufig aus Holz und schwarz. In Lisieux sind es Stelen aus Sandstein in angedeuteter Kreuzform, die in einer Wiese unter Bäumen in lilienbepflanzte Reihen eingelassen sind. Die milde Oktobersonne gab dem Ort Glanz, doch es überwog Schatten, den die mächtigen Bäume über die Grabkreuze warfen. Der Ort strahlte die Stille und Einsamkeit der Natur aus; für manche war es gewiß Grabesstille. Jeder verarbeitete die Botschaft, die der Ort aussendet, anders. Es sind auch Tränen geflossen.
Wenn man länger dasteht und auf die Namen der gefallenen Soldaten sieht, stellt man sie sich als lebendige Menschen vor, und es erscheinen Gesichter. Ein Gedicht eines der größten frz. Lyriker, des frühvollendeten Arthur Rimbaud, drängte sich mir auf. Es ist hier an seinem Platz. Rimbaud wurde 1854 geboren und riß als 16-Jähriger von zu Hause aus, um am Krieg von 1870 teilzunehmen. Danach schrieb er das Gedicht:

Der Schläfer im Tal

von Arthur Rimbaud

Ein grünes Tal, in dem ein Flüßchen sinkt und munter mit silbernem Geflirr die Gräser säumt, darein die Sonne blinkt vom stolzen Berg herunter. Ein kleines Tal ist’s, das von Strahlen schäumt.
Ein junger Krieger, barhaupt und mit offnem Munde, der sein Genick in blauem Blütenbad gelegt, schläft unter Wolken auf dem Rasengrunde, bleich auf der grünen Lagerstatt, vom Wind umhegt.

Er schläft, die Füße in den Blumen, gleich einem kranken Kinde lächelnd schlief er ein. Natur, ihn friert, so wieg ihn warm und weich.
In seine Nase dringt der Duft nicht aus der Weid‘, er schläft, die Hand auf stiller Brust, im Sonnenschein. Er hat zwei rote Löcher in der rechten Seite.

Es hat auf der Reise für jeden weitere intensiv erlebte Momente gegeben. Um die Reise zu erzählen, bin ich darauf angewiesen, mich auf die eigenen persönlichen Empfindungen zu stützen. Gleich nach der Ankunft in Paris an der Gare de l’Est wählten wir mit dem Bus den Weg mitten durch die Stadt. Es war sofort klar, welch ein Verlust das gewesen wäre, wenn wir statt dessen unsere Zeit im Stau auf der Stadtautobahn zugebracht hätten. In den Straßen von Paris sogen wir alles, was wir sahen und in kundigem Vortrag hörten, gierig auf. Es ging vom Montmartre-Berg hinab, an der Oper vorbei und auf dem Boulevard Haussmann wieder hinauf zum Triumphbogen. Immer wieder mußte der Bus im dichten Verkehr stehen bleiben, auch vor dem Triumphbogen. Man freute sich darüber.

Der Umgang mit dem Krieg

Die Dimension des Triumphbogens ist gigantisch: man stelle sich vor, daß alle Triumphe Napoleons, alle Städte, die er siegreich mit seinen Heeren durchquert hat, so viel Fläche brauchen, damit ihr Name darauf Platz findet! Aber es waren alles Angriffskriege. Mich hat das in diesem Moment angeekelt. Anderen, mit denen ich mich darüber unterhielt, erging es ähnlich. Europa hat aufgeatmet, als der Diktator 1815 nicht mehr existierte. So wie Europa nach dem 30jährigen Krieg aufgeatmet hat, und auch 1704, als ein anderer Diktator und Städtevernichter, Ludwig XIV, entscheidend geschwächt war. Und so wie die Welt 1945 aufgeatmet hat. Jedesmal haben diese Diktatoren ein ausgeblutetes Volk und eine ruinierte Nation hinterlassen.
Die Gedanken drängten sich auf, weil zu Füßen des Triumphbogens das Grab des unbekannten Soldaten liegt. Es ist tatsächlich ein Grab, in dem ein unbekannter, nicht identifizierter Soldat, der in Verdun gefallen ist, bestattet ist. Meine zwiespältigen Gefühle diesbezüglich bekamen in Lisieux neue Nahrung. Hinter dem Bischofspalast an der Kathedrale befindet sich ein tadellos gepflegter blühender Garten, der von André Le Nôtre angelegt worden ist, dem größten französischen Gartenarchitekten, mit einem Kriegerdenkmal …… – es stellt sich die Frage, warum wir beides nicht besichtigt haben, Kathedrale und Garten …

Der Garten in Lisieux

Der bischöfliche Lustgarten ist nach der Revolution zum Bürgergarten geworden. Er wird heute optisch beherrscht von einigen bedeutungsvollen Skulpturen; darunter ist die auffälligste das Kriegerdenkmal. Es stellt die Göttin Athene, römisch Minerva dar, zu erkennen an Waffen, Schild und Helm. Minerva ist u.a. die wehrhafte Göttin und beschützt die Städte. Über die Stadt Heidelberg z.B. wacht sie am Eingang der Alten Brücke. Die Minerva in Lisieux hält in der rechten Hand die Weltkugel und darüber – und das ist in unserem Zusammenhang bemerkenswert – eine Göttin des Sieges, Victoria, Nike. Wir sollten das nicht einfach als Verherrlichung der militärischen Siege sehen, sondern als siegreiche Verteidigung und vielleicht im übertragenen Sinn als den letztendlich existentiellen Sieg eines Volkes, auch nach der militärischen Niederlage.

Zwanzig Meter davon entfernt blickt eine Statue in Generalsuniform, auf niedrigem Sockel stehend, zur Minerva, in bescheidener Pose, aber Bezug auf sie nehmend. Es ist Pierre Marie Denfert-Rochereau. Er hat sich als Kommandant und Verteidiger der Festung Belfort im Krieg 1870/71 ausgezeichnet. Die Festung konnte nicht eingenommen werden. Denfert-Rochereau hat sie auf Weisung der Regierung in ehrenvoller Kapitulation übergeben. Er wurde Symbolgestalt als Verteidiger des Vaterlandes. In Paris wurde der große Platz am Montparnasse-Friedhof und die Metrostation nach ihm benannt. Eine Kopie des großen bronzenen Löwen von Belfort, berühmte Skulptur von Bartholdy, dem Schöpfer der Freiheitsstatue, ruht auf riesigem Sockel mitten auf dem Platz.

Der 11. November

Die Verbindung zu Lisieux ist offenkundig. Lisieux ist eine der Städte, die im zweiten Weltkrieg, eben nach der Landung der Alliierten Truppen mit dem folgenden Bombardement, am meisten gelitten haben. Wie durch ein Wunder wurde die Kathedrale nicht zerstört. Aber es gibt noch eine andere Verbindung. Der 19jährige Soldat Auguste Thin wurde 1918 in Lisieux rekrutiert, um in Verdun eingesetzt zu werden. Am 10. November 1920 wurde er dazu bestimmt, unter sechs noch nicht identifizierten Leichnamen aus dem Krieg in Verdun den Sarg auszusuchen, der das Grab des Unbekannten Soldaten am Triumphbogen in Paris füllen sollte. Der Sarg wurde darauf am Denfert-Rochereau-Platz aufgebahrt und am 11. November an seinen Bestimmungsort im Triumphbogen gebracht.

Im Garten von Lisieux befindet sich weiterhin eine Skulptur, die Francois Rude darstellt, den Bildhauer und Schöpfer des berühmten Reliefs am Pariser Triumphbogen, der Allegorie der Freiheit. Noch einmal zum Grab des unbekannten Soldaten am Triumphbogen: Frankreich war das erste Land, das ein solches Monument hatte. Wie kam es dazu? Es hat mit dem Datum 11. November zu tun. Der Erste Weltkrieg heißt in Frankreich nur „La Grande Guerre“, der große Krieg. Wenn man sich die Kriegerdenkmäler in jeder frz.Gemeinde ansieht, weiß man warum. Die Liste der Gefallenen ist hier um vieles höher als die vom Zweiten Weltkrieg.
Schon 1916 kam während der Kämpfe vor Verdun unter den frz. Soldaten ob der zahllosen Verluste die Idee auf, das durch ein Monument zu Ehren eines unbekannten Soldaten zu verewigen. Der frz. Oberberfehlshaber war Marschall Foch. Wir sind ja die Avenue Foch vom Triumphbogen aus abgefahren; das ist da, wo die Superreichen und Prominenten dieser Welt ihren Wohnsitz haben. Und dann hat sich dieser 11. November nach und nach zum Identifikationstag für das Land entwickelt.

Am 11. November 1918 wurde von Erzberger und Marschall Foch der Waffenstillstand unterzeichnet.
Am 11. November 1919 gab es im Invalidendom im Beisein von Marschall Foch eine bescheidene Zeremonie für die Opfer des Krieges. Am 10. November 1920 wurde der unbekannte Soldat von Auguste Thin ausgewählt und am 11. 11. In Paris feierlich geehrt. 1921 wurde der Sarg feierlich in das Grab am Triumphbogen eingelassen. Der nationale Feiertag wurde im Oktober 1922 beschlossen und am 11. November zum ersten Mal gefeiert. 1923 brannte zum ersten Mal die Flamme am Grab des unbekannten Soldaten und wird seither von einem Komitee versorgt und bewacht. Gleichzeitig wurden im ganzen Land in jeder Gemeinde Kriegerdenkmäler errichtet; jährlich werden an Ort und Stelle am 11. November die Gedenkfeiern abgehalten. Präsident Sarkozy hat kürzlich erklärt, er wolle den 11. November in Zukunft zum Gedenktag für alle machen, die für Frankreich gestorben sind, über das Gedenken an das Kriegsende 1918 hinaus. Die Zeitung „Le Figaro“ kommentierte: „Diese Männer sind nicht für die Verteidigung des Landes oder der Interessen Frankreichs in der Welt gestorben, sondern für ein Konzept, das Frankreich von der Freiheit hat.“

Wir haben in Deutschland in etwa zeitgleich mit dem 11. November den Volkstrauertag. Leider hat das Interesse daran in den letzten Jahren abgenommen. In Bruchsal hat die Bundeswehr an der Gedenkfeier teilgenommen. Frau Petzold-Schick sagte, für den Frieden seien nicht die Soldaten allein verantwortlich, sondern alle Menschen sollten um den täglichen Frieden kämpfen. So sei „der Volkstrauertag als Volksmahntag für einen Volksfriedenstag“ zu sehen. Es ist schade, daß in den deutschen Medien der 11. November 2011 überwiegend als Schnapszahl und als Beginn des Karnevals thematisiert wurde, wenn man zwei Tage später einen Volkstrauertag zu feiern hat.

Wochenmarkt

Zurück zum Alltag von Lisieux, dem Markt:
Da, wo sonstens alles zugeparkt,
konnt‘ am Samstag Fisch und Meeresfrüchte
kaufen man und fertige Gerichte,
Gemüse, Fleisch und leckren Käse auch,
aber nicht nur Sachen für den Bauch.
Zu kaufen war’n auch riesengroße Vasen
Und echte Gänse, Enten, Hühner, Hasen,
lebend und nicht weichgesotten,
auch Möbel gab es, Schuhe und Klamotten.

Nach dem Markt dann strebte in die Höh‘
die Seele zu Theresia von Lisieux
im Kloster bei den Karmeliterinnen,
bevor wir zum Mont Saint Michel die Fahrt beginnen.

Mont St. Michel

Michelsberge kennt man vielerorten.
Der Michel ist stets nahe bei den Himmelspforten,
denn er steht zumeist auf Bergeshöh’n;
so ist er schon von fern zu seh’n.
einst standen Heidenkulte droben, und darum
Besetzt die Orte auch das Christentum.
Ob Cleebronn, Untergrombach, Siegburg, Bamberg,
Sankt Michael wacht über uns stets am Berg.
Sankt Michael ist da der Gottesstreiter,
des Glaubens unerschrockener Verbreiter.
Sein Schwert führt an die himmlischen Heerscharen,
bekämpft die Bösen, die dem Satan hörig waren.
Hart ist der Weg zu ihm hinauf und steil;
Auch Kön’ge kamen, suchten bei ihm Heil.
Sie kletterten auf Knien und bloßen Füßen
Zu ihm hinauf, um ihre Schuld zu büßen,
zur Sühne, da sie Krieg erstrebten, zuviel Macht,
oder weil im Luxus sie die Zeit verbracht.
Das „Wunder“ nannt‘ man diese hohen Mauern,
in den Fels gehau’n von den Erbauern.
In drei Etagen hat man das gebaut.
Ganz unten Raum war für des Volks Gewimmel,
dann kam der Adel, oben hat geschaut
der Mönch im Kreuzgang seinen Himmel.

Die Normannen

Im Jahre 966 wurde die erste Abtei auf dem Mont Saint Michel gegründet. Die aus Dänemark und Norwegen eingedrungenen Normannen hatten eine ganz erstaunliche Wandlung vollzogen vom städtezerstörenden Schrecken Europas zum Kulturvolk. Was den Normannen im 10. und 11. Jh. gelang, war der Aufbau eines fast selbständigen Herzogtums von hoher kultureller Qualität im Nordwesten Frankreichs, aber auch etwas später in Süditalien und Sizilien.
Sie bauten sehr viele Kirchen und Klöster und beschenkten sie reich. So wurde die Abtei Mont St. Michel restauriert und ausgebaut. Auch entwickelten sie ihren normannischen Stil innerhalb der Gotik. Bald blühte in der Normandie eine reichhaltige Klosterkultur: Sie gründeten insgesamt dreißig Abteien.

Ein Gedanke, der mich auf der Reise mehrmals ergriff: du stehst hier vor dem Zeugnis einer Kultur, die 1000 Jahre alt ist. Du mußt doch fassungslos sein! Welch eine Leistung! Das sind Ereignisse und Zeugnisse, die Europa geprägt haben!
So geschah das in Caen vor der Abbaye des Hommes, als wir hinter der Kirche St.Etienne standen, der größten, wichtigsten Kirche der Normannen. Wilhelm der Eroberer selbst hat sie 1077 erbauen lassen. Sie war wohl auch ein Sühnezeichen für all seine kriegerischen Unternehmungen, nicht nur für seine Ehe mit Mathilde, die von der Kirche nicht autorisiert worden war.
Auch in Bayeux wieder derselbe Schauder: Es liegen fast 1000 Jahre zwischen mir und dem, was ich versuche zu verstehen. Die dortige Kathedrale ist von Wilhelms Halbbruder Odo erbaut und im selben Jahr wie die Abteien in Caen, 1077, eingeweiht worden. Und außerdem gab es ja dort noch den Teppich, der die Schlacht von Hastings 1066 visuell erzählt. Seine Entstehung liegt in demselben Zeitraum, wenn man auch den Urheber oder die Urheberin nicht kennt.
Was ich trotz des gehetzten Tempos an der akustischen Führung schätzte, war der Ton. In einwandfreiem Deutsch wurde der Sprecher mit Leidenschaft der Dramatik der dargestellten Szenen gerecht. Aber ohne die ausführliche Vorbereitung durch unsere Reiseführerin im Bus hätten wir über Wilhelm den Eroberer nicht Bescheid gewußt und hätten noch weniger von dem Teppich gehabt. Was die Darstellungen der Schlacht von Hastings betrifft, so war man da wohl überrascht; man kann sie nur als grausam bezeichnen. Die Grausamkeiten hingen ja ursprünglich in der Kathedrale in Bayeux, um die Tat Wilhelms augenfällig zu machen.

Wilhelm der Eroberer

Ackermanns Erzählungen im Bus
waren – wer wird daran zweifeln? – ein Genuß.
Teils Doku-Soap, teils Info, dienten sie dem Zwecke,
auch zu verkürzen uns die lange Strecke.
Wie Wilhelm einst als Bastard ward gezeugt
vom prächt’gen Robert und von einer Wäscherin,
wie der Papst argwöhnisch seine Eh‘ beäugt,
die er eingeh’n wollt‘ mit der Cousine,
wie später doch der Papst urteilt mit Milde
über Wilhelms Ehe mit Mathilde,
da beide taten ihm ein Kloster stiften –
dann tat Mathilde’n Schleier wieder lüften –
solches hat Frau Ackermann und vieles mehr
erzählt zum monotonen Autobahnverkehr.
Zu hör’n, wie’s weiterging, war man gespannt,
all das war, nicht wahr, hochintressant,
zum Beispiel, wie naiv Mathilde
erst sagt „mit dem werd‘ ich mich nie vereinen“,
und als Wilhelm der Eroberer, der wilde,
in jener Nacht sie nahm, dann sprach „den oder keinen“.

Die Kriege zwischen Frankreich und England

Die normannischen Herzöge hatten mit dem französischen König ein Abkommen geschlossen, das ihnen die Herrschaft über die Region Normandie garantierte. Nach der Schlacht von Hastings unterwarf Wilhelm der Eroberer innerhalb von fünf Jahren ganz England. Es begann die Zeit der Fremdherrschaft Englands durch die Normannen: Ämter und Würden wurden den Angelsachsen weggenommen und an Normannen verteilt. Als Wilhelm 1087 starb, hinterließ er ein wohlgeordnetes Land, das fest in normannischer Hand war. Das blieb nicht so.
Nach den Normannen kommt das Haus Anjou-Plantagenet. Ihm fällt auch noch der Westen und Südwesten des Landes zu, so daß die Ausdehnung ihres Territoriums das des französischen Königs weit überragt. Doch König Philipp August wird den französischen Teil davon bald zurückerobern. Es ist der Beginn der engl.-frz. Kämpfe um die Vorherrschaft im Norden und Westen Frankreichs, der im 14. Jh. in den Hundertjährigen Krieg mündete.
England gelingt es, sich in Frankreich festzusetzen. Dann tritt, im 15. Jh., Jeanne d’Arc auf. Sie hat militärischen und politischen Erfolg, aber keinen endgültigen. Ihre Rolle wird von der Kirche in Zweifel gezogen. In Rouen wird sie zum Tode verurteilt – England hat seine Hand im Spiel. In Frankreich ist Jeanne d’Arc die Jahrhunderte hindurch als nationales Symbol, als Freiheitssymbol, anerkannt geblieben. Sie hat in manchen späteren Epochen trotz der großen historischen Entfernung identitätsstiftend gewirkt. Schiller hat ihren Kampf verherrlicht in seinem Drama „Die Jungfrau von Orléans“. Die Französische Revolution hat ihm das Ehrendiplom als Bürger der Republik verliehen – Unterschrift: Danton. Schillers Stück ist aktuell geblieben und wird gegenwärtig recht viel gespielt. Johanna ist 1920 von der Kirche heilig gesprochen worden. Ihre historische Bedeutung und Symbolkraft haben wir in Rouen einschätzen können. Die Gedenktafeln zu ihrer Verurteilung und zu ihrer späteren Rechtfertigung sahen wir am gotischen Bischofspalast.

Die Kriege zwischen Frankreich und Deutschland

Mit der Regierung Ludwigs XIV beginnen etwa ab 1680 die französischen Kriege mit Deutschland. Ludwig XIV, der die potenteste Armee in Europa besitzt, zerstört im pfälzischen Erbfolgekrieg die Pfalz, die Kurpfalz und Baden. Die Ära endet mit der Zerschlagung von Ludwigs Militärmacht in der Schlacht von Höchstädt bei Augsburg 1704 im Zuge des spanischen Erbfolgekrieges, in den ganz Europa involviert war.
Ab 1793 besetzen die Truppen der französischen Revolution und danach die Napoleons West- und Süddeutschland. Die deutschen Territorien werden neu geordnet.

1870 beginnen die Invasionen Frankreichs durch deutsche Truppen. 1871 wird Frankreich im Spiegelsaal von Versailles, einem weiteren Identifikationsort für die Nation, von den Deutschen im Versailler Friedensvertrag gedemütigt. Wieder gibt es einen gekrönten Wilhelm auf französischem Boden.
Dann der erste Weltkrieg. Es gab allein in Verdun eine halbe Million tote Franzosen und Deutsche und an der Somme 1,2 Millionen Franzosen, Briten und Deutsche.

Mit diesem knappen historischen Überblick möchte ich bewußt machen, wie umfangreich die Geschichte der Kriege zwischen Frankreich, England und Deutschland ist, und für wie hoch ich die Symbolkraft halte, die ein Soldatenfriedhof wie der bei Lisieux hat, und welche Bedeutung das Memorial des Friedens in Caen hat, das wir nicht sehen konnten. Die Städte Caen und Würzburg, die beide zu 80 – 90% zerstört wurden, sind schon 1960 eine Städtepartnerschaft eingegangen und haben das Friedensprojekt gemeinsam durchgesetzt.

Die Landung der Alliierten im Juni 1944

Als wir vor der Festung Wilhelms des Eroberers in Caen standen und auf die Kathedrale St. Pierre und die Stadt hinabblickten, da war es auch ein Blick über wechselnde Schicksale der Zeiten hinweg. Unten vor uns parkte der Bus mit deutschen Touristen vor ansteigendem Rasen, ein großes leeres Feld. Die vor dem Krieg existierende Bebauung wurde hier nicht wiederhergestellt; es wirkt fast wie ein Mahnmal. Die Kathedrale vor uns war eine Ruine gewesen.

Die normannischen Städte sind in der Hauptsache nicht von deutscher Artillerie zerstört worden, sondern von der englischen Luftwaffe, weil die Deutschen in den Städten saßen. Wie blind das geschah, zeugt vom Haß Englands auf Hitlerdeutschland. Das Bombardement beeinträchtigte die deutschen Verbände kaum, umso mehr jedoch schadete es den Städten, sowie den französischen Zivilisten. Zusätzlich zum Bombardement schoss die Schiffsartillerie von den Stränden aus auf die Stadt. Später, als die Stadt eingenommen worden war, wurde festgestellt, dass sich weder deutsche Geschütze noch Panzer oder Tote im Zielgebiet befanden. Der englische Journalist, Buchautor und Teilnehmer an der Invasion, Alexander McKee, sagte zu dem Bombardement am 7. Juli folgendes: „Die 2.500 Tonnen Bomben unterschieden in keiner Weise zwischen Freund und Feind. Sollten die britischen Befehlshaber geglaubt haben, dass sie die Deutschen einzuschüchtern vermochten, indem sie die Franzosen umbrachten, so hatten sie sich schwer getäuscht.“

Noch zwei Aussagen, die in Arromanches gefallen sind – Die Reiseleiterin Frau Ackermann sagte folgenden Satz: „Churchills schwimmender Hafen, der in England gebaut und bis hierher gezogen wurde, ohne ihn wäre Europa nicht befreit worden.“
Als wir nach dem Besuch von Arromanches wieder im Bus Platz nahmen, sagte ein Mitglied unserer Gruppe einen Satz, der das Geschehene treffend zusammenfaßt - ich zitiere: „Wir müssen mit der Verantwortung leben dessen, was unsere Herrscher damals angerichtet haben.“

Beschließen wir das Thema „Krieg, Frieden, Freiheit“ mit einem Gedicht von Paul Verlaine, jenem berühmten Gedicht, das als Signal für die Eröffnung der normannischen Invasion diente, das De Gaulle über die BBC von London ausstrahlen ließ. Es war die zweite Strophe, die die Erkennungszeilen enthält. Paul Verlaine war Freund des vorhin schon zitierten Arthur Rimbaud.

Chanson d'automne

von Paul Verlaine

Les sanglots longs
Des violons
De l'automne
Blessent mon cœur
D'une langueur
Monotone.

Tout suffocant
Et blême, quand
Sonne l'heure,
Je me souviens
Des jours anciens
Et je pleure;

Et je m'en vais
Au vent mauvais
Qui m'emporte
Deçà, delà,
Pareil à la
Feuille morte.


[Seufzer gleiten
die Saiten
des Herbsts entlang
treffen mein Herz
mit einem Schmerz
dumpf und bang.

Wenn die Stunde schlägt,
denk ich,
der es nicht erträgt,
bleich an die Zeit,
die nun schon weit
und muß weinen.

Im bösen winde
geh ich
und finde keine statt...
treibe fort
bald da bald dort –
Ein welkes Blatt.]

Die Heilige Theresia von Lisieux

Ich komme nun am Schluß zu dem Moment, der für manchen der persönliche Höhepunkt der Reise gewesen sein könnte, die Feier der heiligen Theresia von Lisieux. Es ist natürlich sehr persönlich gefärbt, wenn ich davon berichte, aber es war schließlich das Motiv unserer Reise. Ich stellte irgendwann Frau Ackermann die schwierige Frage: Was qualifiziert Theresia als Heilige? Ihr kurzes Leben war nicht aufsehenerregend. Ich bekam in etwa folgende Antwort: „Theresia ist ein Beispiel für ein ideal geführtes Leben und für Spiritualität im 20. Und 21. Jahrhundert. Sie hat das Evangelium in seiner Reinheit wiederentdeckt, was heißt, daß durch konsequentes Erfüllen des Evangeliums das Himmelreich auf Erden möglich ist.“
Ich dachte an die Rede von Benedikt XVI in Freiburg wenige Tage zuvor, die eine ähnliche Aussage hatte: nicht durch die Jagd nach dem persönlichen Glück wird man glücklich, sondern durch das Verlieren und Vergessen des Ich und durch die Hingabe und den Dienst am andern in Liebe.

Das Fest der Heiligen Theresia

Der Höhepunkt war der Moment des Gottesdienstes am Sonntag Morgen. Auch wenn man eine halbe Stunde vor dem Beginn der Messe da ist, wird einem nicht langweilig. Im Gegenteil: man wird mit dem Schauen nicht fertig. Besonders die Menschen aller Rassen und Länder, die sich da begegnen, sind so interessant. Vor mir eine junge Familie aus Sri Lanka oder so, mit einem wunderschönen, etwa vierjährigen Kind, das ein ganz ebenmäßiges Gesicht und große dunkle Augen hat, sich oft umdreht und immer ruhig blickt. Die Gemeinschaft all dieser Gläubigen fühlt sich entspannend an und doch festlich.

Und dann beginnt es mit herrlichen Klängen. Es gibt einen vorzüglichen Organisten; er spielt die Fuge aus einer der jubilierendsten Orgelkompositionen von J.S.Bach, dem Präludium und Fuge D-dur – später wird er noch die Fuge aus Fantasie und Fuge g-moll spielen. Die Prozession der Zelebranten des Pontifikalamtes nimmt den Weg durch den Mittelgang nach vorne. Die Würdenträger blicken nicht so versteinert wie die, die während des Papstbesuches in Deutschland zu sehen waren, nein im Gegenteil. Es ist Kontakt da zwischen ihnen und der Gemeinschaft. Am Ende geht der Bischof von Bayeux und Lisieux. Was macht er? Er segnet das schöne Kind vor mir mit der Hand auf die Stirn.

Während der Messe gibt es sehr melodiöse Gesänge, an denen so viele Menschen in der ganzen Kirche teilnehmen, daß man nicht anders kann als mitzusingen; die Worte stehen ja immer gut sichtbar angeschrieben. Es gibt Priester, die perfekt singen können. Es gibt einen Prediger, den Bischof, der engagiert und ernst das Evangelium dieser Messe analysiert und auf die Gegenwart anwendet. Wer nicht französisch konnte, war hier gewiß zu bedauern. Das war aber auch ein Text, der in Erstaunen setzte, ein grausamer Text eigentlich, den man selten in der Kirche hört, Matthäus, Kapitel 21, Verse 33-43. Da geht es wieder und noch einmal um die Tötung von Menschen. Sein zentraler Satz aber ist, auch in der Predigt, Vers 43: Das Reich Gottes wird euch weggenommen und einem Volk gegeben werden, das die erwarteten Früchte bringt.

Der Gottesdienst formt die anwesenden Menschen zu einer Gemeinschaft. Der Friedensgruß gestaltet sich außergewöhnlich herzlich. Und jeder wird nach der Messe mit einem Händedruck durch einen Priester in den Alltag entlassen.
Damit soll der Bericht über eine Reise enden, die so vielfältig war und sich doch nach und nach thematisch zu einer Einheit verdichtet hatte. Aber ich möchte noch einen Schlußakkord setzen.

Schlußakkord

Am Sonntag fehlte uns zu unsrem Glücke
Noch, zu fahren über eine Brücke
und gleich darauf wieder zurücke.
Berauscht von Technik, uns zum Hohn,
wie Schiffbrüch’ge in der Zivilisation,
ich kann es kaum beschreiben mit den Worten,
strandeten wir alsdann in den Badeorten,
um in der Menge unser Bad zu nehmen:
in Deauville, Trouville, Honfleur war mehr los als in Bremen.
Vor Schreck vergaßen wir, uns einzucremen,
denn die Sonne war sehr fleißig;
das Thermometer zeigte dreißig.
Den Abschluß bildete Paris.
Ein würd’ger Abschluß war das ganz gewiß.
Am End‘ gab’s einen Stau zum Schreck, o weh!
Ein letztes Foto noch, und dann Ade!
Paris, das ist mir viel zu groß.
Da war schon wieder so viel los.
Also sag‘ ich davon lieber nix,
mach‘ keine Reime mehr und keine Tricks!

Die Reise hat uns allen viel gebracht.
Wieviel Müh‘ die Vorbereitung macht,
das kann ein Außensteh‘nder schwer ermessen;
den Dank dafür, den hab‘ ich nicht vergessen.
Mit Worten möcht‘ ich‘s diesmal nicht ausdrücken,
mit Händedruck und auch vielleicht einmal mit ein paar Schlücken….

Freundeskreis Berichte Veranstaltungen Normandie Oktober 2011