Reise nach Salzburg - September 2010
23. - 26. September 2010
ein Bericht von Manfred Berberich

Lächender Engel
Vor zwei Jahren leitete uns der lächelnde Engel von Reims bei unserem Besuch der Kathedrale. Meinem damaligen Bericht fügte ich Rilkes Gedicht über den Engel bei; er nennt ihn fühlende Figur: „ …fühlt man sich zärtlicher mit einem Male von deinem Lächeln zu dir hingelenkt, lächelnder Engel, fühlende Figur…“
Wer hätte gedacht, daß uns zu Beginn der Reise nach Salzburg in Regensburg ein lächelnder Engel empfangen würde! Gotische Dome betritt man von Westen, wo oft auf den Portalen das Jüngste Gericht dargestellt ist, damit der Eintretende das irdische Leben hinter sich lasse und wie in ein himmlisches Jerusalem zu gelange. Schritt für Schritt nähert man sich gen Osten dem Heil und den Darstellungen des christlichen Myteriums zur Vierung und zum Altar hin. Wir betreten den Dom, gehen im Mittelschiff nach vorne. Wir sind vorbereitet auf den lächelnden Engel. Dort steht er in drei Metern Höhe am Pfeiler - Farben sind zu erkennen - und lächelt Maria zu, die gegenüber am linken Eckpfeiler der Vierung auf ihn reagiert. Dies ist die Vorbereitung auf das Heilsgeschehen. Nun öffnet sich der Raum in die Tiefe, zur Seite, und in die Höhe. Der Gläubige wird überwältigt, bevor er in das Heilsgeschehen in der Meßfeier einbezogen wird.
Wir hatten auch in Salzburg einen lächelnden Engel bei uns. Nicht nur sein Wissen begleitete uns, auch das Lächeln ist ihm, Pater Hiller, eigen, in seinem Humor, gewiß, mehr aber noch in seinem Verstehen, in der Güte, in der Großmut gegenüber allem, was nicht wunschgemäß verläuft und hinzunehmen ist, in einer hilaritas mentis, einer inneren Heiterkeit, Gelassenheit und Ruhe. Es war ihm schon unwohl dabei, für Salzburg nur zwei Tage zur Verfügung zu haben. Aber außerdem mußte auf der ganzen Reise improvisiert werden. Dabei gab es keinen, der so wie er darunter litt.
Konjunktiv
Es hätte eine Reise im Konjunktiv sein können - gefühlt: wenn mehr Zeit gewesen wäre, wenn der Blick auf Dom, Pferdeschwemme, Dreistufenbrunnen nicht durch Zäune, Kirmesstände, Regenschirme verstellt gewesen wäre, wenn die Kollegienkirche geöffnet gewesen wäre (am Nachmittag war sie offen), wenn die Beförderung per Aufzug besser funktioniert hätte, wenn der Dom am Freitag nicht geschlossen gewesen wäre, wenn der Bus nicht so lange an den roten Ampeln steckengeblieben wäre …. Aber es war keine Reise mit Bedauern, denn sie war gänzlich gefüllt mit herrlichen Eindrücken, großartigen visuellen Erfahrungen und reicher Belehrung. Man nahm Abschied mit dem einzigen Bedauern, daß es so schnell vorbei war, und dem Wunsch, wiederzukommen.
Salzburg ohne Mozart? Mozart hat in der Tat nicht stattgefunden. Hätte er es denn können? Musik verläuft in der Zeit. Es gibt nichts zu sehen an ihr. Und um mit ihrem Schöpfer vertraut zu werden, muß man in die Museen gehen. Das geht mit 50 Personen nicht. Das unternimmt man privat. Und am besten hört man oft seine Musik, auch privat oder, lebendig gespielt, im Konzertsaal. Vermißt haben wir Mozart bei unserem Besuch in Salzburg nicht.
Wir erlebten einen Ausschnitt aus dieser Stadt, und zwar authentisch, das heißt, wir wurden durch die Liebe eines Beteiligten, Betroffenen mit ihr bekannt gemacht. Dabei war es gleichgültig, welcher Ausschnitt aus dem geschichtlich entstandenen Phänomen Salzburg studiert wurde.
Die nette Geste von Herrn Pater Schwarzfischer zum rechten Zeitpunkt, in der Kapelle nach der Abschlußmesse – jeder bekam eine Mozart-Kugel - las sich wie eine süße Einladung, eine kommende Reise Salzburgs Größtem zu widmen.
Dächer und Achsen
Welches Bild von Salzburg ist Ihnen am stärksten präsent? Die Antwort wird individuell verschieden ausfallen, doch glaube ich, daß man darauf wetten kann, daß am häufigsten der Blick von oben auf die Stadt, etwa vom Panoramaweg aus gesehen, vor dem inneren Auge erscheinen wird.
Das Faszinierende an diesem Bild ist aber neben der optischen Vielfalt mit Burg, Felsen, vielgestaltiger Stadtsilhouette, Fluß und Bergen – eine Komposition, wie sie ein Maler nicht besser erfinden könnte - auch die historische Aussage, die daran ablesbar ist. Es war die erste Erkenntnis, die uns Pater Hiller lieferte; es war beim Abstieg vom Domizil auf dem Mönchberg zum Abendessen jener unvergeßliche erste Blick auf das grandiose Stadtbild, bei einbrechender Dunkelheit, als es schwer fiel, sich wieder davon zu lösen. Kurze Zeit später versagte uns unser Führer sogar einen weiteren Blick hinunter von der Humboldt-Terrasse aus, weil dann die Gefahr bestünde, daß wir nicht mehr weg wollten; romantische Sehnsucht wäre dann vielleicht bei einigen stärker gewesen als der Hunger.
Also machte sich die ganze Gruppe auf in den Augustinerbräu. Man ließ sich nieder. Das Bier war sehr gut, das Essen nicht, aber teuer. Es sei der Stadt verziehen. Sie hatte ja anderes zu bieten: jenes Panorama z.B., das, wenn man es studiert, schon so viel von ihrer Geschichte erzählt, jene Erkenntnis, die dreistufige Anlage, die das Bild in der Diagonalen füllt, mit der Bürgerstadt unten am Fluß, der Klerikerstadt eine Stufe höher und der Burg des Fürsten auf der höchsten Stufe. Die Diagonale bildet die dreigestufte Gesellschaft des Absolutismus mit Adel, Klerus und drittem Stand ab. In jener Epoche, vor 300 bis 400 Jahren, entstand das Stadtbild sehr vieler unserer europäischen Städte. Aber in keinem ist die Handschrift des Absolutismus so deutlich ablesbar wie in Salzburg.
Dicht drängen sich unten die Häuser, durch Gassen quer zum Hang getrennt, die durch zahlreiche Galerien, der Steigung folgend, miteinander verbunden sind. Allein dem Rathausturm ist es gestattet, über die Dächer hinauszuragen, der aber wiederum ganz unten am Fluß seinen Platz hat. Die Stadt wendet ihr Gesicht, wie die meisten Städte, vom Fluß ab, wegen der Hochwassergefahr. Dieses hatten die Kleriker nicht zu fürchten. Sie bewohnten die Etage darüber, bequem auf einem Plateau. Der senkrecht ansteigende Felsen hinter ihnen gab ihnen zusätzlich Schutz vor der Witterung. Aber man mußte eng zusammenrücken. So ergab sich die Vielzahl von sich überlagernden Türmen und Kuppeln der unter der Burg versammelten Kirchen St.Peter, Franziskuskirche, Kollegienkirche, Dom und Nonnberg. Wenn man sie von nur wenig erhöhtem Standpunkt in der Horizontalen betrachten kann, erheben sie sich noch deutlicher über die Dächer und scheinen wie in einem Geflecht miteinander verwoben. Schiefergrau ist die Farbe der Dächer der Bürgerstadt, grün wie die Salzach und rostrot beim Nonnberg die Farbe der Kuppeln und Türme der Klerikerstadt, weiß ist die Burg. Sie ist die Spitze der Vertikalen, deutlich, fast unerreichbar thront sie oben. Sie nimmt die gesamte Bergkuppe ein. Die Türme unter ihr weisen nicht nur zu Gott, sondern auch zu ihr hinauf.
Der Barock ist eine Epoche, in der das Sehen der Menschen ausgebildet war. Sie liebten sogar die optischen Spiele für das Auge. Wir standen unter dem linken Torbogen am Eingang des Domplatzes, blickten auf die Fassade des Doms und lauschten den Erklärungen. Man sah über dem mittleren Fenster hinter der Balustrade, die Mitte zwischen den Evangelisten einnehmend, zwei Engel eine Krone halten, die somit über einem Löwenkopf (!) schwebte. Da erhob sich doch gleich eine Frage. Das würde ja bedeuten, daß man hier das Wappentier des Fürstbischofs und damit ihn selbst bekrönte! Nein, die Lösung des Rätsels lag woanders. Nämlich unter dem mittleren Torbogen, und hier steht nur ein Quadratmeter zur Verfügung, um durch Umhergehen das Haupt der Marienstatue auf der Mitte des Domplatzes, die man hier von vorne sieht, beim Hinschauen genau unter die Krone treten zu lassen. Eine Gruppe so zu führen, das sind die Schliche eines erfahrenen Führers.
Der Zeitgenosse der Barockzeit war das gewohnt, das im Gehen sich verändernde Betrachten seiner Umgebung zu vollziehen und sie dadurch so zu erleben, daß sie zu ihm sprach. Blickachsen sind immer besonders aussagekräftig. Beispiele: in Schwetzingen durch den Torbogen des Schlosses auf den aufstrebenden Wasserstrahl des Arion und den in der Ferne aufragenden Berg Kalmit, in Kassel von der Stadtmitte aus in einer Achse auf Schloß Wilhelmshöhe und den dahinter auf der Anhöhe aufragenden Herkules, in Karlsruhe von jeder Straße des Fächers aus auf den Schloßturm des Landesherrn , in Paris durch den kleinen Triumphbogen am Louvre auf den Obelisken der Place de la Concore und dahinter den großen Arc de Triomphe, und noch weiter dahinter die Arche de la Défense.
Die Salzburger Achse verläuft zwischen Schloß Mirabell und der Feste Hohensalzburg mitten durch den Mirabellgarten. Die Türme des Domes nehmen das Zentrum des Bildes ein. Der Betrachter sieht den Wasserstrahl (Bedeutung: lebendiges Leben) genau in die Mitte der beiden Türme hinein aufsteigen, dort thront Christus auf der Spitze des pyramidenförmigen Giebels: Bedeutung des Strahls somit: dein Leben hat in mir seine Erfüllung. Die Burg ruht zentriert wie eine Krone über allem – Bedeutung: ich, Fürstbischof, bin dein Beschützer und Vertreter Gottes auf Erden.
Die Horizontale des Bildes, also der Garten selbst, wird geprägt durch eine Aufreihung antiker Götter vor der abschließenden Hecke: vorne zweimal vier weibliche, hinten zweimal vier männliche Götter. Die antike Mythologie hat das Menschenbild des Barock stark beeinflußt und ist besonders in der Repräsentation von Macht und Pracht das eindrucksvollste Instrument gewesen. Hier sind die antiken Götter degradiert. Kein Olymp im Himmel, nur Spalierstehen, und zwar isoliert vom restlichen Garten, untergeordnet, statisch, museal. Die Dynamik kommt durch die beiden Fechter ins Bild, die den Blick noch fester auf die Mitte hin konzentrieren und überleiten von der Horizontale in die Vertikale. Der Ausschnitt zwischen den Bäumen verjüngt sich nach oben, gibt dem Wasserstrahl noch mehr Aufwärtsstreben mit. Dieses setzt sich in den Giebel des Domes hinein fort.
Die Fechter sind Kopien einer 1611 in Rom gefundenen antiken Marmorstatue von 100 v.Chr., die selbst Kopie einer Bronzestatue aus dem 3.Jh. war. 1613 kam sie in die Villa Borghese und heißt daher der borghesische Fechter. Im 18. Jh. war sie eine der am meisten bewunderten und kopierten Arbeiten der Antike – hier ein Gemälde des englischen Malers Joseph Wright aus der 2.Hälfte des 18.Jh. Napoleon kaufte sie 1807; seither steht sie im Louvre.
Die beiden Fechter, die Kämpfer aus der Antike, sie weisen ganz entschieden, fast aggressiv, darauf hin, welche Richtung diese bunte, schöne Existenz auf Erden zu nehmen hat. Die antiken Götter und der Garten versinnbildlichen in der Horizontale dieses irdische Leben in Schönheit und Pracht, die blühende Lebendigkeit, auch die Leidenschaften, die sich in den Skulpturen ausdrücken.
Zur Wichtigkeit symboltragender, sprechender Bilder nur soviel: das Auge ist ein Organ, das die Sprache des Gesehenen direkt in Gefühle überträgt und das Fühlen ausbildet. Und: Schönheit setzen wir mit Wahrheit gleich. Ein optisches Motiv – Gebäude, Skulptur, Brunnen, Geländeeigenart etc. – in Bezug zu einem zweiten, Bedeutung tragenden setzen, das ist das Prinzip symbolischer Aussage in einer Blickachse. Es wird einem im fürstlichen und klerikalen Bereich der Stadt immer wieder angeboten.
Ein Mirabell für die Lust
Wir betrachteten die Bronze-Statue der Tänzerin von Giacomo Manzù. Sie stand inmitten eines roten Blütenteppichs und drehte sich in angehaltener Bewegung weiter und schien dabei fast ohne Kontakt zum Boden, eine technische Meisterleistung des Bildhauers. Die Augen hielt sie geschlossen. Wir aber staunten, als wir uns umdrehten, über das, was sie, wenn sie sich nicht fortwährend weiterdrehen würde, vor ihren Füßen sich ausbreiten sähe: ein Blumenparterre eine Etage tiefer mit Broderien aus Blumen in üppigem Rot, jetzt, Ende September, in ihrer Mitte das Flügelpferd Pegasus und die Quelle Hippokrene, die er durch seinen Huftritt entspringen ließ, über Fels, der wohl Helikon zu sein vorgab, dahinter ein Spalier von Bäumen, darüber in der Ferne die Festung Hohensalzburg und darüber, ja vor allem, den strahlend blauen Himmel jenes Freitags, 24. September.
Wir schreiten die Freitreppe hinab, der Blick weiß nicht, wohin er sich bei all der Pracht wenden soll. Wir sind flankiert von zwei Einhörnern neben der Treppe – sie sind Wappentiere des Fürstbischofs Johann Ernst von Thun ebenso wie die Löwen, die an der anderen Treppe rechts sitzen. Einhörner sind jene sagenumwobenen Tiere, die unschuldig ihren Hals im Schoße von Jungfrauen bargen und die Zähmung der wilden Natur bedeuteten. Der Pegasus entstand in der Mythologie durch das Enthaupten der Medusa, aus deren Rumpf er sich in die Luft erhob. Bei seinem Flug über das gebirgige Griechenland schlug er mit dem Huf auf dem Berg Helikon auf, und das in der Nachfolge dort entströmende Wasser, aus dem die Musen trinken, die den Helikon bewohnen, gab ihnen Inspiration. So wurde auch Pegasus deren Symbol.
Die Bronzestatue der Tänzerin stellt wahrscheinlich die Salzburger Primaballerina Inge Schabel dar, die Manzù 1954 heiratete. Der Ort für die Aufstellung der Bronzeskulptur ist hervorragend gewählt, denn sie und die Symboltiere und die Blumen, sie alle bilden inhaltlich das Gegengewicht zur Domstadt und zur Burg, nämlich ein irdisches Paradies, wie ein Versprechen eines goldenen Zeitalters auf Erden. Im Hintergrund ragt der eine Pol auf, geistliche Herrschaft und Heimat. Hier aber im gesamten Garten regiert der andere, die Freiheit der Phantasie.
Die Stadt Salzburg erhielt ihr heutiges Gesicht zum großen Teil durch Erzbischof Wolf Dietrich von Raitenau (Regierungszeit 1587 – 1612) – er war ja deshalb wichtigster personaler Bezugspunkt unserer beiden Salzburger Tage. Für seine Geliebte und Mutter von 16 gemeinsamen Kindern, Salome Alt, ließ er Schloß und Garten Mirabell anlegen – man nennt so etwas Lustschloß, und er nannte es ihretwegen Altenau. Sein Nachfolger Markus Sittikus von Hohenems (1612 - 1619 gab ihm dann den heutigen Namen, um unangenehme Erinnerungen an den zweifelhaften Ruf seines Vorgängers zu tilgen.
Fürstbischof von Raitenau hat aber segensreich für das Aussehen der Stadt in späteren Jahrhunderten gewirkt. Der Dom war erste große Barockkirche nördlich der Alpen. Sein Lustgarten im italienischen Stil war ebenfalls einer der ersten auf deutschsprachigem Boden. Seine Nachfolger bauten ihn aus, insbesondere rund 100 Jahre später Johann Ernst von Thun (1687 – 1709), der ihm sein heutiges Gesicht gab, und Franz Anton von Harrach (1709 – 1727), der die Zwergengalerie in Auftrag gab. Unter ihnen wurde der Garten ein wirklicher Kontrapunkt, ideell und optisch, zu Dom und Festung. Pegasus wanderte nun aus der Nachbarschaft zum Dom in den Garten und erhebt sich von dort aus mit Blick zur Festung in die Lüfte, die Einhörner stoßen ihr Horn in dieselbe Richtung, frontal zeigt sich (wenn auch erst seit 50 Jahren) die Tänzerin der Stadt. Sehr schön und passend zum Pegasus verläuft ihre vertikale Aufwärtsbewegung aus der Drehung heraus. Sie scheint dem Boden zu entschweben. Entschlossen erhebt sich Pegasus. Irdische Schönheit und Lust behauptet sich hier gegenüber geistlicher Ordnung.
Mythologischer Spaziergang
Nun durfte sich im 18. Jahrhundert die Phantasie austoben und den Reichtum antiker Mythen für Vergleiche und symbolische Aussagen nutzen. Die antiken Götter erschienen zuhauf in den Gärten. Wir machen einen kleinen Spaziergang durch die Mythologie. Fast jeder Garten bildete die vier Elemente Feuer, Luft, Wasser, Erde in Skulpturen ab. Wenige entwickelten dabei so viel Phantasie wie der Bildhauer Ottavio Mosto 1690 in Salzburg mit seinen Assoziationen von jeweils einem Element zu einem berühmten Mythos, in dem ein Gott oder Heros in einem dramatischen Akt eine andere Figur trägt. Wir wollen jetzt einmal einfach, wie es das 18. Jahrhundert tat, spielerisch frei assoziierend, das mythologische Programm deuten, auch in dem Wissen, daß Bildprogramme in den Gärten und Schlössern meist vom Auftraggeber gesteuert wurden. Es war üblich, daß ein Herrscher hoch griff und oft gleich Hercules als Bezug zur eigenen Person und Rang erwählte.
Den Hercules haben wir hier, wie er den Riesen Antaeus in die Luft hebt. Der verhungert dadurch, weil er als Sohn der Gaia, Erde, seine ganze Kraft aus dieser bezieht. Das rechte Bild ist die Skulptur aus dem Mirabell, das linke ist 50 Jahre später entstanden und steht im Park von Sanssouci in Potsdam. Hier sehen wir, wie Herkules den Antaeus so fest klammert, daß er erstickt. Das ist sicher eine überraschende, eigenartige Realisierung des Elements Luft, etwas an den Haaren herbeigezogen, würden wir sagen. Aber das spielt keine Rolle, wenn auf der anderen Seite so viel Raum für Assoziation gegeben ist. Hercules vollzieht hier eine der 12 berühmten Arbeiten, die goldenen Äpfel aus dem Garten der Hesperiden zu holen, deren Verzehr zu ewiger Jugend führte. Antaeus hatte sie zu bewachen. Hesperidengarten wird mit Paradies und goldenem Zeitalter gleichgesetzt, und da der Hercules seine Tat im Mirabellgarten ausführt, ist mit dem Bringer des goldenen Zeitalters der Fürstbischof gemeint. Wer aber ist mit Antaeus gemeint? Warten wir es ab.
Wir gehen weiter zum Feuer. Das größte Feuer der Mythologie ist der Weltenbrand, ausgelöst durch den Sturz des Phaéton mit dem Sonnenwagen. Eine andere, weil schon geschichtliche, Dimension aber hat der Brand Trojas. Eine Assoziation mit dem Element Feuer ist nicht von der Hand zu weisen, aber sie ist neu, denn die Gruppe Held Aeneas, der aus dem brennenden Troja flieht, mit Vater Anchises auf den Schultern und Sohn Ascanius an der Hand ist die berühmteste der Antike und ist mit einer ganz anderen Bedeutung besetzt: nicht mit der des Feuers, sondern der des standhaften Helden, der alles treu dem Auftrag opfert, der ihm von Jupiter/Gott gegeben ist. Er sollte Vaterland und Gattin verlassen und in Italien, das er nach vielen Jahren irrender Seefahrt erreichte, ein neues Reich gründen. Dadurch wurde Aeneas Ahnherr und Nationalheld der Römer; sie leiten ihre Abstammung durch ihn von den Trojanern ab.
Das berühmte Motiv besagt als zeitloses mythologisches Muster, daß ein aus dem Geist der Vergangenheit Begonnenes in eine hoffnungsvolle Zukunft hineinführen wird. Das paßt aber doch auch ausgezeichnet für einen Salzburger Erzbischof des Jahres 1690, den Johann Ernst von Thun. Die Last, die Aeneas trägt, den Vater, wie darf man die im Salzburger Sinne, mit etwas Schmäh, interpretieren? Da wäre ja eben jener Wolf Dietrich von Raitenau passend, der 100 Jahre vorher Salzburg so berühmt und das Amt so berüchtigt gemacht hat. Doch das ist ja alles nicht so schlimm, denn Bischof von Thun ist - - und jetzt kehren wir zu Herkules und Antaeus zurück - - ein starker Mann, dem die Last nichts ausmacht, der ihr einfach den Boden entzieht, nämlich er als Hercules und Raitenau als Antaeus.
Nun erwartet uns das Element Wasser. Paris, der trojanische Held, hat Helena aus Griechenland geraubt und über das große Wasser, das Meer, nach Troja entführt. Links wieder eine Skulptur aus Potsdam zum Vergleich, rechts Salzburg. Unsere Deutung mit österreichischem Schmäh, in Fortspinnung der lustvollen Deutung der Zeitgenossen: Wolf Dietrich hat mit der schönen Salome die Salzach überquert, um dort fern von strengen Repräsentationspflichten im neu geschaffenen Lustgarten einem privaten Lebensglück zu frönen….
So abwegig sind die Gedankenspiele nicht. Die antike Mythologie war allgemeines Bildungsgut, und sie stand zur freien Bedienung und Abwandlung zur Verfügung. Davon wurde reger Gebrauch gemacht. In Adelskreisen gab es Rollenspiele und Kostümfeste um die antiken Götter und Helden, Komödien schöpften ihre Stoffe aus der Mythologie, und in den Gesprächskreisen galt es, in aktuellen Variationen bekannter Themen möglichst geistreich und witzig zu sein.
Das Element Erde in Gestalt des Raubes der Proserpina durch Pluto. Die Salzburger Skulptur wieder rechts, die Potsdamer links, dazwischen Berninis Version. Man sieht schön, wie der Salzburger Künstler mit seinem Pluto und der Potsdamer Künstler mit seiner Proserpina sich munter bei Bernini bedient haben. Der künstlerische Vergleich zeigt aber eindeutig Vorteil bei Bernini.
Proserpina/griechisch Persephone wurde vom Gott der Unterwelt, Pluto/Hades, dem Bruder des Jupiter/Zeus, geraubt und in die Unterwelt verschleppt. Proserpinas Mutter war Ceres/Demeter, die Göttin der Feldfrüchte, von daher oft selbst Repräsentantin des Elementes Erde. Sie verfiel in solch maßlose Trauer, daß sie ihr Wirken einstellte und die Erde keine Frucht mehr hervorbrachte – ein Mythos, der uralte Ängste von Ernteausfall ins Bild faßt. Um die Katastrophe abzuwenden, beschied der Göttervater Jupiter den Kompromiß, daß Proserpina das winterliche Drittel des Jahreskreislaufs bei Pluto, das restliche Jahr bei ihrer Mutter verbringe.
[Also wieder eine Entführung, und der Held hat gleichzeitig eine Schurkenrolle, so ist also wieder Bischof Raitenau der Gebrandmarkte. Aber er als Gott der Unterwelt, wie paßt das zusammen? Vorschlag: Wolf Dietrich von Raitenau war der Gewaltanwendung nicht abgeneigt, führte politisch Fehde mit Maximilian von Bayern wegen des begehrten Salzes der unabhängigen Probstei Berchtesgaden-Reichenhall, die aber unter bayrischem Einfluß stand. Im Jahre 1611 fiel Bischof Raitenau dort mit Salzburger Truppen ein – es lag ja direkt hinter dem Untersberg –, um es zu besetzen. Er drang bis in die Unterwelt, den Salzstock, vor, um dort das weiße Gold, das Salz zu rauben, das „Salz der Erde“ also, biblisch gesprochen. Im Gegenzug besetzten die Bayern Salzburg. Das war dann das Ende für Bischof Raitenau; er wurde abgesetzt und für die letzten sieben Jahre seines Lebens auf seiner Burg gefangengehalten. ]
So haben wir also im Mirabellgarten vier „Helden“, zwei gute, Herkules und Aeneas, entspricht den beiden himmlischen Elementen Luft und Feuer. Und wir haben zwei Schurken, Paris und Pluto, entspricht den beiden irdischen Elementen Wasser und Erde.
Die Skulpturen lassen sich natürlich auch ganz anders verstehen: die Fürstbischöfe als Helden tragen etwas als einen Schatz (Pluto, Paris), keine Frau als Geliebte, sondern im allegorischen Sinne den christlichen Glauben, die Glückseligkeit u.ä., oder sie tragen etwas als eine Last (Aeneas), die Verantwortung für die Christen, die Tradition der Kirche, die Belastung durch den Vorgänger, die Sünde, oder sie bewältigen wie Herkules eine Aufgabe, nämlich die, die zu große Erdverbundenheit und Sündhaftigkeit der Gläubigen zu unterbrechen und zu verwandeln. So würden die Skulpturen den Übergang von antiker Symbolhaftigkeit in christliche Symbolik schaffen. Der Träger in den vier Skulpturengruppen wäre jeweils der Bischof, die getragene Person wäre das Amt, bzw. die Kirche. Genug der Mythologie.
Ein Überblick über die Abfolge der Erbauer Salzburgs:
Wolf Dietrich von Raitenau 1587–1612
Markus Sittikus Graf von Hohenems 1612–1619
Paris Graf von Lodron 1619–1653 Kardinal
Guidobald Graf von Thun und Hohenstein 1654–1668 Kardinal
Max Gandolf von Kuenburg 1668–1687
Johann Ernst Graf von Thun und Hohenstein 1687–1709
Franz Anton Fürst von Harrach 1709–1727
Begeben wir uns nun ins Schloß hinein. Als wir es besichtigten, hatten wir einen Auftrag von Pater Hiller. Wir sollten im Weitergehen auf der Treppe, der sogenannten Georg-Raphael-Donner-Stiege, vom gleichnamigen Bildhauer 1726 erbaut, die sich verändernde Gemütslage der begleitenden Skulpturen beobachten. Die im Auftrag ausgesprochene Frage wurde nie beantwortet. Ich möchte mich ihr stellen.
Treppen
Sie hatten keinen Aufzug. Sie aßen viel, wie man weiß. Also dürfte es ihnen nicht leicht gefallen sein, in die oberste Etage zu gelangen. Damit erklärt sich die Körpersprache der Putten auf dem Geländer der Treppe im Schloß Mirabell. Deren Anwesenheit ist damit noch nicht geklärt. Eine spontane weibliche Reaktion aus unserer Gruppe lautete „So viel Putten habe ich noch nie gesehen.“ Vielleicht sollten sie den damaligen aufwärts Schreitenden Trost spenden oder Gelegenheit bieten, zwecks Betrachtung der allerliebsten Kinderspeckbegleiterchen einen Augenblick innehalten zu dürfen. Meine Feststellung war, daß sich in der Tat der Sinn in der Abfolge der Putti nur im Aufwärtsgehen erschließt.
Der erste Putto scheint trostlos, nahe am Weinen, der zweite, liegend, zeigt mit dem Finger nach oben „Was, so hoch?“ Der dritte liegt gleich auf dem Rücken. Er ruht sich aus. Der vierte sitzt da, müde, schaut weg, apathisch. Nun kommen wir an der ersten Etage an. Ein Putto komplimentiert uns „Bitte nach Ihnen! – Hier lang!“ Wir sind auf waagrechter Strecke. Der Putto neben uns legt sich müde zurück. Man beginnt den Aufstieg zur nächsten Etage.
Ein sitzender Putto guckt ganz und gar unfröhlich hinunter. Warum dürfen die sitzen? Der nächste liegt sogar total auf dem Rücken, flach. Will er wieder runterrutschen? Man biegt um die Ecke. Im Knick der Balustrade brennt eine Lampe. Ein Putto zieht sich daran hoch, hält sich aufrecht an ihr fest und guckt angestrengt nach oben. Fünf Stufen weiter liegt einer bäuchlings auf dem Handlauf und stützt sein Kinn auf die Handfläche. „Soll ich wirklich weitergehen? So ist es doch viel bequemer.“ Es wird dramatisch. Der nächste Putto sitzt zwar noch, ist aber auf dem Sprung, streckt flehend eine Hand hoch zum Betrachter hin, will auf dem Arm getragen werden. Und einer liegt wieder da, auf dem Rücken, und hält sich mit einer Hand fest, damit er nicht abrutscht.
Wir sind oben angelangt. Zwei Putten auch. Der eine grüßt uns, sitzend, zufrieden, aber nicht freudig. Etwas Trotz hat er in seiner Miene. „Seht, ich hab’s doch geschafft.“ Der letzte kniet halb, ist erschöpft, aber glücklich. Er deutet ein Lächeln an.
Es gibt im Barock, jenem Zeitalter der Empfindsamkeit, keine Gestaltung ohne Putten. Der Bonner Kunsthistoriker Wilfried Hansmann schreibt in seinem Buch „Putten“: „Die Affinität des Puttos zum gebauten Ornament ist kaum beispielhafter gelungen als an der Treppenhausbalustrade in Schloß Mirabell zu Salzburg. Die kunstreich durchbrochene Steinornamentik ist für Putten ein Spielort, an dem sie ihr Körpergeschick so recht in Szene setzen können und dabei den Zuschauer völlig für sich gefangen nehmen.“ Laut Hansmann, dem Spezialisten für das Thema in Deutschland, sind Putten, wie die antiken Eroten, die antiken Genien, die spätantiken und die mittelalterlichen Engel, Mittler zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen, zwischen Himmel und Erde. Sie stehen für Paradies und Himmelreich. Sie erklären, führen vor, präsentieren, zeigen, was wir fühlen sollen, sie vermitteln. Sie sind zwar Kinder, aber ihrer Rolle nach verhinderte Riesen, denn sie können alles. Sie sind zwar sehr menschliche Menschen, aber sie sind in Wahrheit ein Kunstprodukt, ein Typus, ein Hilfsgeschöpf, damit der Mensch das Leben besser bewältigt.
Ein Faktum wollen wir nicht außer Acht lassen: die Zeit der Putten in der Kunst fällt zusammen mit einer der kinderreichsten Perioden europäischer Geschichte. Sollte man da heutzutage nicht erwägen, Trauungen statt im Marmorsaal auf der Treppe abzuhalten? Überhaupt hatten wir Glück. Wir sahen Brautpaare im Fünf-Minuten-Rhythmus den prachtvollen Marmorsaal und sogenannten schönsten Trauungssaal der Welt aufsuchen und bekamen dadurch einen eigentlich nicht gestatteten Zutritt.
Die Höhe und Steilheit des Mönchberges und des Burgberges hatten mich überrascht. Man muß viele Treppen gehen in Salzburg. Aber man wird entschädigt durch immer wieder andere anregende Panoramen. Man hat 83-Jährige mühelos hinaufgehen sehen und ist dadurch in kleiner Gruppe sogar noch in den Genuß entspannter Momente voll inspirierter, charismatischer, im Flow vorgetragener Erzählungen gekommen. Man hörte von Kokoschka und künstlerischen Begegnungen mit der Stadt. Das waren Momente, die der Trubel unten und der Druck eines Zeitplans nicht erlaubt hätten.
Man muß nicht unbedingt zu Fuß auf den Mönchberg gehen. Man kann den Aufzug nehmen. Nur geht es dann nicht unbedingt schneller. Wir haben es ausprobiert. Um das Kapitel abzuschließen, noch die kleine Anekdote. Wir kamen am ersten Abend die steile Stiege herab zum Brauhaus, anscheinend einer durstigen und hungrigen Horde ähnlich, denn ein kleines, etwa fünfjähriges Mädchen, das mit ihrem jungen Papa aufwärts unterwegs war, schaute etwas verschüchtert drein, so daß dieser ermunternd zu ihr bemerkte „Ui, da hat irgendwo an Dampfer anglegt“.
Räume
Wir sprachen den Marmorsaal im Schloß Mirabell an. Solche Räume sind es eher weniger, die ich mit Raumerlebnissen in Salzburg meine. Eher schon das Heckentheater mit seiner hervorragenden Akustik – woher kommt das? Insgesamt erscheint dieses aber ziemlich vernachlässigt, was das Dekor betrifft. Die umbauten Plätze Salzburgs waren es auch nicht, die besonders beeindruckten. Das lag an den Bauzäunen, dem schlechten Wetter und dem kommerziellen Betrieb auf ihnen. Die Zäune am Residenzplaz nahmen auch dem schönen Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer die Wirkung. Da das Gedicht aber so schön ist, möchte ich so tun, als hätten wir den schönsten Blick auf den Residenzbrunnen in Aktion gehabt.
Römischer Brunnen
Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die sich verschleiernd überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.
- Conrad Ferdinand Meyer
Das Kruzifix im Kolleg St.Benedikt
Ich möchte drei andere besondere Raumeindrücke vortragen. Im Kolleg St.Benedikt steht ein Kruzifix von Jakob Adlhart aus dem Jahr 1925. Es ist falsch zu sagen, es steht da. Es breitet sich aus, es erstreckt sich, es ist da. Es gibt keine Vertikale. Christus neigt sich soweit nach vorn und ist so monumental groß, daß er den ganzen Raum in der Höhe füllt und darin keinen Platz hat und einen fast erdrückt. Der Betrachter ist fast selbst physisch beengt. Man wagt kaum zu photographieren aus Scheu. Man hat Angst, dem Anspruch von Frömmigkeit nicht zu genügen. Vom Kreuz gestiegen, scheint der Erlöser sein Anliegen herauszupressen, seine Bitte um Anteilnahme mitten in den Alltag der Lebendigen hineinzutragen. Er ist herausfordernd. Eine große Stille herrschte in dem Raum. Jedes Wort scheint falsch. Ratlosigkeit. Eine Ahnung davon, daß glauben wohl ergriffen sein bedeutet. Dieses Kruzifix ist für diesen Raum in Auftrag gegeben worden. Trotzdem ist es ungeheuerlich, was mit dem Raum dadurch geschieht. Sprengt das Kruzifix ihn, oder ist es etwas anderes, das gesprengt wird?
Die Wallfahrtskirche Herrgottsruh
Behagen, Wohlsein in jahrhundertealter geistlicher Atmosphäre, ein Ausruhenkönnen von Schönheit umgeben, das empfand man in der Wallfahrtskirche Herrgottsruh bei Friedberg. Alles ist heiter, ausgewogen, nichts stört oder drängt sich auf, eher laden die Motive ein. Zarteste Farben, optische Freiräume zwischen den Motiven, Ausgewogenheit zwischen Architektur, Stuck und Malerei vermitteln ein Gefühl, zu Hause angekommen zu sein: Vollkommenheit, die nicht abstößt, eine Variation des Ortes, wo man sein möchte. Das Glück, hier zu sein, wurde bewußt durch die leise und eindringliche Rede des Paters, der den Raum erläuterte. Klar und spannend ist sie. Jedes Wort sitzt und ist völlig glaubhaft, unrhetorisch, notwendig. Sprachliche Perfektion. Die Gelöstheit und Harmonie, die auch das folgende Mittagsmahl umgab, erhielt ihr Bild im Lächeln des Paters Mäntele und hatte sich endgültig in jedem festgesetzt. So waren alle folgenden Staus auf der Autobahn mit einem Male unbedeutend geworden.
Franziskanerkirche
Man tritt ein, und sofort zieht das hintere Ende der Kirche, der Altar, den Blick magisch an. In der Dunkelheit wird man wie durch eine Schlucht nach vorne in den Chor hineingeleitet. Das von dort einfallende Licht verstärkt die Tiefenwirkung. Der Zug der Pfeiler des Hallen-Chores wird letztlich unwiderstehlich durch die Schwerelosigkeit, die der Decke gegeben ist in den kassettenartig verzweigten vielen Gurten des Gewölbes, eines Sternrippengewölbes.
Ein charismatischer Zug aber geht vom Hauptaltar aus, der sich exponiert an den mitten im Raum stehenden hinteren Pfeiler anlehnt. Eine Maria von Michael Pacher aus dem 15.Jahrhundert steht in der Mitte des Altares von Fischer von Erlach, der ihn schon nach oben strebend entworfen hat. Diese Dynamik setzt sich im schlanken Pfeiler fort und verzweigt sich unter dem Gewölbe wie von einer Palme kommend in den Himmel hinein.
Tod wo ist dein Stachel
Dies war das überraschendste Kapitel Salzburgs. Der Friedhof St.Sebastian und der Friedhof St.Peter. Sie gehören zu den schönsten Räumen, die die Stadt anzubieten hat. Ja, es sind Räume mitten in der Stadt, und die Toten ruhen unter den Lebenden und bieten diesen ihre Wohnstätte als einen Raum an, in dem sie ganz zu sich selbst kommen können. Diesseits und Jenseits sind nahe zusammengerückt, und auch das Jenseits erhält durch die Gegenwart unter den Bewohnern der Stadt von diesen als Gabe, daß sie den Tod hier nicht wie ein Unglück, sondern wie den Zweck und die Krönung des Lebens begreifen. Die Familie Mozart hat in St.Sebastian ihr Grab. Wolfgang Amadeus hat dort nicht seine letzte Ruhestätte gefunden. Sein Grab ist nicht bekannt. Aber er hat in Briefen viele Gedanken über den Tod hinterlassen: (aus dem Brief an seinen Vater vom 4.April 1787)
Da der Tod, genau zu nehmen, der wahre Endzweck unseres Lebens ist, so habe ich mich seit ein paar Jahren mit diesem wahren, besten Freunde des Menschen so bekannt gemacht, daß sein Bild nicht allein nichts Schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel Beruhigendes und Tröstendes. Und ich danke meinem Gott, daß er mir das Glück vergönnt, mir die Gelegenheit zu verschaffen, ihn als den Schlüssel zu unserer wahren Glückseligkeit kennenzulernen. Ich lege mich nie zu Bette, ohne zu bedenken, daß ich vielleicht, so jung als ich bin, den anderen Tag nicht mehr sein werde – und es wird kein Mensch von allen, die mich kennen, sagen können, daß ich im Umgange mürrisch oder traurig wäre – und für diese Glückseligkeit danke ich alle Tage meinem Schöpfer und wünsche sie von Herzen jedem meiner Mitmenschen.
Die umsäumenden Arkaden machen diese Friedhöfe überschaubar, ja eigentlich bewohnbar. Hinter ihnen geht der Blick auf Kirche, Felsen, Burg. Im Innern des Friedhofes St.Peter herrschen Einfachheit und gleichzeitig phantasievolle Vielfalt. Gewiß, viele Gräber sehen im herkömmlichen Sinne nicht gepflegt aus, es leben auch in vielen Familien keine Hinterbliebenen mehr von denen, die hier begraben sind. In starkem Maße fällt das in St.Sebastian auf. Aber das Ganze des Raumes dieser Friedhöfe macht aus ihnen einen Inbegriff dieses Wortes, eines der schönsten der deutschen Sprache.
St.-Peters-Friedhof
Ringsum ist Felseneinsamkeit.
Des Todes bleiche Blumen schauern
Auf Gräbern, die im Dunkel trauern -
Doch diese Trauer hat kein Leid.
Der Himmel lächelt still herab
In diesen traumverschlossnen Garten,
Wo stille Pilger seiner warten.
Es wacht das Kreuz auf jedem Grab.
Die Kirche ragt wie ein Gebet
Vor einem Bilde ewiger Gnaden,
Manch Licht brennt unter den Arkaden,
Das stumm für arme Seelen fleht –
Indes, die Bäume blühn zur Nacht,
Dass sich des Todes Antlitz hülle
In ihrer Schönheit schimmernde Fülle,
Die Tote tiefer träumen macht.
- Georg Trakl
Es ist eigenartig, wie der sonst so melancholische Georg Trakl (1887 Salzburg – 1914 Krakau) angesichts des Friedhofs versöhnende, ja euphorische Worte findet. „Schönheit“ und „Fülle“, das sind Worte, die nicht mit „Leid“ zusammengehen. Das Wetter, das wir bei unserem Friedhofsgang in St.Peter hatten und das uns die Regenschirme aufspannen ließ, hätte Trakl sicher in einer Harmonie mit allen Dingen des Friedhofs wahrgenommen.
Paracelsus, der in Salzburg gestorben ist und der als Arzt das Leid der Menschen zum Beruf hatte, hat dem Leiden in einem Gebet sein Können, seine Arbeit und seine Liebe entgegengesetzt und es in eine Freude übertragen, die über das Leben hinausgeht. [Wir durften dieses Gebet des Paracelsus von Hohenheim (1493 – 1541) aus dem Munde Pater Hillers im Friedhof St.Sebastian hören:
Du hast uns die Liebe als Arznei gegeben, o Gott,
und willst, daß der Arzt in dieser Liebe eingeschlossen sei,
um den Kranken zu heilen.
So wie Deine Liebe kein Ende hat,
soll auch unser Forschen und Dienen kein Ende haben.
Ohne Deine Hilfe ist der Arzt machtlos,
aber mit Dir vermag er das Höchste.
Du bedienst Dich unser,
weil Du selber gern im Verborgenen bleibst.
Dein Wille ist, daß Du durch uns die Kranken heilst.
Du gießest in das Herz eine Freude am ewigen Leben
und jeder, der an dich glaubt, wird lebendig auferstehen
und den Tod nicht schmecken.
Du hast im Menschen die Kräfte aller Elemente geheimnisvoll zusammengefaßt,
so wie ein Arzt,
der aus den Säften der Kräuter die Kraft zum Heilen zieht.
Laß mich alles zum Nutzen der Kranken
nach bestem Vermögen und Urteil anordnen
und alles Schädliche von ihnen fernhalten.
Laß mich heilig und rein meine Kunst
und mein Leben bewahren.
Amen.
Nachlese
Unkommentiert blieb die dominante optische Präsenz einer weiblichen Gestalt während der Reise: die der Gottesmutter Maria. Ihr galt schon der Besuch in Regensburg, vor dem Dom am Portal und darinnen im Duo mit dem Engel. In Salzburg schmückt ihr Bildnis den Speisesaal der Pallottiner. Sie beherrscht den Domplatz. Ihr ist der Altar der Nonnbergkirche geweiht, da sie das Vorbild der Ordensfrauen ist. Sie steht durch ihren Altar im Zentrum der Raumwirkung in der Franziskanerkirche. Alles überstrahlend ist ihre Erscheinung auf der Spitze der Fassade der Kollegienkirche. Dort steht sie siegreich auf dem Halbmond – Zeichen der Verwandlung und Überwindung der antiken Diana- und Isis-Verehrung. Im Innern dieser Kirche gibt es ein wunderschönes Lichtspiel. In einer Wolkenformation auf halber Höhe, weiße Wolken vor dem Weiß der Wand, steht Maria in der Wolkenöffnung im Gegenlicht vor einem runden Fenster. Zu bestimmter Tageszeit fällt punktuell goldenes Licht auf sie.
Der Bericht geht nicht auf den Besuch von Dom und Domplatz ein. Es liegt daran, daß er zuviel Ärgernis bedeutet hat. Gewiß, die Stadt Salzburg füllt den Platz durch den Jahrmarkt mit Leben. Man hat Sympathie für die Gauklerdarbietungen. Aber die religiöse Erhabenheit des Platzes war dahin. Und in jenem kommerziellen Treiben liegt ein eigenartiger Widerspruch zu den Prophezeiungen des „Tod“ und des „Mammon“ an die Adresse von „Jedermann“, die man auf diesem Platz auch hören kann und gerne erbaulich konsumiert.
Der Bericht läßt den Veit-Stoß-Altar aus; er glaubt, ihm nicht gerecht werden zu können. Er übergeht auch die Kirche St.Peter. Als barocken Kirchenraum zieht der Berichterstatter die Wallfahrtskirche Herrgottsruh vor. Man müßte auch der Hand am Portal der Franziskanerkirche ein paar Worte widmen und die Sonderstellung dieser Kirche, sowie das Verhältnis der Kleriker und der Bürger zueinander beleuchten. Salzburgs Gestein, der Nagelfluh, verdiente, daß man näher auf ihn einginge; das müßte von einem Geologen verfaßt werden. Für die geologischen Erläuterungen während der Fahrt danke ich. Durch sie konnte man mit anderen Augen durch die deutschen Landstriche fahren. Auch die vielen Verständnishilfen Pater Hillers in Form von fotokopierten Skizzen bleiben unkommentiert.
Wodurch fielen die Menschen auf, die wir gesehen haben? Sie sprachen österreichisch, sie bedienten sehr geschickt und zuverlässig wahre Massen von Touristen. Riesenmassen stauten sich in der Getreidegasse, in denen sogar die Japaner untergingen. Nebenan im Klerikerviertel aber waren kaum noch Besucher! Erstaunlich viele Frauen bewegten sich im Dirndl, auch am Freitag, zu ganz normaler Arbeitszeit. Wie eine Karikatur wirken Frauen, die Dirndl tragen, aber mit Handy am Ohr durch die Straßen hetzen.
Wir staunten über die Architektur des Festspielhauses, die dem Felsen abgerungen ist. Wir nahmen verblüfft den vorherigen Zweck der Räume zur Kenntnis, Übungshallen für die Ausbildung von Pferden zu sein – so wurde der Name Felsenreitschule verständlich. Einige der Fürstbischöfe waren Pferdenarren gewesen. Wir strengten uns an, den Gemälden und Dekorationen an den Wänden etwas abzugewinnen. Wir waren beeindruckt von den Dimensionen der Bühnen. Wir standen im Wald. Ein Tuba übender Musiker ließ sich nicht stören. Wir lauschten den Klängen einer übenden Harfenistin zu den Erläuterungen unseres sachkundigen und bescheidenen Studenten im großen Festspielhaus. Für das Ohr war das zu wenig. Man müßte jetzt im inneren Ohr Mozart einschalten können.
Diese Reise hat auch geistliches Erleben gebracht. Dafür ebenfalls Dank! Die Fahrt war auch die Abschiedsvorstellung unseres Herrn Barth als Reiseleiter. Obgleich ein Rückzug noch nicht erkennbar ist, da Herr Barth schon Planungen für 2011 und 2012 vorgetragen hat, gibt der Dank der Vorsitzenden an ihn doch Anlaß zu einer Würdigung seiner Leistung über das übliche Maß hinaus. Man hat oft seine Kompetenz und seine Akribie bei der Vorbereitung erwähnt. Eine seiner Qualitäten ist aber auch die Durchführung der Reise, die Gabe der Improvisation, der souveräne Umgang ohne Hektik mit unvorhersehbaren Umständen, die Reaktionen verlangen. Das wurde ihm auf dieser Reise im besonderen abverlangt. Eine andere Qualität ist sein Auftreten gegenüber gemietetem Führungspersonal, die menschliche, nicht geschäftsmäßige Ansprache, die finanzielle Großzügigkeit. Das ist beileibe nicht selbstverständlich. Wir Reisenden sollten uns auch über den hohen Anspruch an Kultur, Bildung und Erkenntnisgewinn klar sein, von dem wir auf jeder Reise profitiert haben. Glanz gewannen die Reisen durch seine besondere rhetorische Gabe. Herr Barth hat das großartig gemacht.

