Privates Gymnasium St. Paulusheim, Bruchsal
 
Privates Gymnasium St. Paulusheim, Bruchsal

Compassion 2006: Lukas Grünhaupt 11a

cmpassion 2006

Zwei Wochen im Seniorenhaus St. Klara in Oberhausen

Während meines Sozialpraktikums war ich im Seniorenhaus St. Klara in Oberhausen - Rheinhausen tätig. Das Haus St. Klara wurde Anfang 2006 fertiggestellt; Träger ist die Caritas. Zurzeit wird das Haus von etwa 30 Senioren bewohnt, die in verschiedene Wohnbereiche aufgeteilt sind. Diese richten sich in ihrer Gestaltung nach den Themengebieten Sport und Bewegung, Mensch und Tier, Natur sowie Musik. Der Wohnbereich „Sport und Bewegung“ ist zusammen mit dem Bereich „Mensch und Tier“ den zwölf an Demenz leidenden bzw. körperlich in schlechter Verfassung befindlichen Menschen vorbehalten. Die übrigen Bewohner verteilen sich auf die Bereiche „Natur“ und „Musik“. Hier wohnen vor allem ältere Menschen, die zwar körperlich und geistig recht fit, allerdings trotzdem hin und wieder auf Pflege angewiesen sind.

Zu meinen Aufgaben gehörten das morgendliche Bettenmachen und Einsammeln der Schmutzwäsche, vor allem auch das Bereitstellen des Frühstücks und Mittagessens sowie das Füttern einer leicht dementen Frau. Am Anfang war es sehr ungewohnt und teilweise auch unangenehm, die Wäsche der Bewohner einzusammeln und ihre Betten zu machen, denn man dringt ohne wirkliche Erlaubnis in die Intimsphäre eines Menschen ein. Von Tag zu Tag gewöhnte ich mich jedoch langsam daran und meistens wurde ich freundlich begrüßt, wenn ich einen Bewohner in seinem Zimmer antraf.

Ungewöhnlich schien mir, dass im Seniorenhaus St. Klara auch zwei jüngere Männer wohnen. Sie sind krankheitsbedingt zu Pflegefällen geworden und es ist den Angehörigen nicht möglich, sie im erforderlichen Maße zu betreuen. Erschreckend war für mich vor allem das Schicksal eines dieser Männer. Bei seiner Operation gab es Komplikationen und seither ist er nicht mehr in der Lage zu sprechen bzw. durch Gestik zu kommunizieren, zudem wurde bei ihm ein permanenter Luftröhrenschnitt gesetzt. Ihn traf ich sehr unvorbereitet, da ich nur zusammen mit dem Hausmeister in sein Zimmer geschickt wurde, um einen Fernseher dorthin zu bringen. Ich ging davon aus, das Zimmer wäre leer, was es jedoch nicht war. Später wurde ich von den Pflegerinnen über sein Schicksal aufgeklärt. Da mein Vater nur wenige Jahre älter als dieser Mann ist, machte mich seine Geschichte umso betroffener.

Ein weiteres sehr hartes Schicksal hatte eine ältere Frau erlitten. Sie hatte bereits mehrere Schlaganfälle und ihr Körper war dementsprechend stark gezeichnet. Von der Pflegerin, die ich begleitete, wurde mir mitgeteilt, dass die Haut dieser Frau so empfindlich wäre, dass sie schon bei einer leichten Berührung aufreißen könne. Während der Pflege stöhnte die Frau immer wieder vor Schmerzen auf, jede Bewegung tat ihr weh. Auf meine Frage hin, ob es keine geeigneten Schmerzmittel gibt, wurde mir mitgeteilt, dass man dieser Frau - im Übrigen ein finaler Pflegefall ohne Hoffnung auf wirkliche Besserung ihres Zustandes - keine starken Schmerzmittel verabreichen dürfe, da die Ärzte besorgt wären, die Frau könnte von diesen abhängig werden. Einmal war ich in ihrem Zimmer, während sie gefüttert wurde. Sie konnte nur passierte Kost zu sich nehmen, weil sie nicht genügend Kraft hatte, um ihr Essen zu zerkauen. Flüssigkeit konnte wegen der Gefahr des Verschluckens nur verdickt verabreicht werden. Ihre Bettlägerigkeit hatte eine äußerst flache Atmung zur Folge und die Selbstreinigungskräfte ihrer Lunge reichen deshalb nicht aus, ihre Atemwege freizuhusten. Zusätzlich jedoch gab man der Frau eine Flüssigkeitsinfusion, um sie mit der notwendigen Menge an Flüssigkeit zu versorgen.

Die Bilder solcher Begegnungen und Schicksale konnte ich nach dem Feierabend nicht einfach im Seniorenhaus lassen, ich dachte oft noch lange über die Erfahrungen des Tages nach. In mehreren Gesprächen mit den Altenpflegerinnen wurde mir bestätigt, dass es auch ihnen, trotz ihrer langen Berufserfahrung, ähnlich geht.

Ich machte allerdings auch andere Erfahrungen. Jeden Mittag saß ich neben „meiner“ Seniorin und servierte ihr das Mittagessen. Obwohl es manchmal nervenzehrend war, machte mir diese Arbeit am meisten Freude. Ich saß mit den älteren Menschen am Tisch und konnte mich so mit ihnen unterhalten. Zwar wiederholten sich die Gesprächsthemen aufgrund der Demenz öfter, dennoch hatte ich beim Mittagessen immer wieder sehr viel Spaß, zumal ein spanischen Senior, den alle „Opa Pedro“ nannten, für Stimmung sorgte. Dieser war zwar fast völlig erblindet, dafür aber wirklich ausnahmslos gut gelaunt. Er erfüllte das Klischee eines Spaniers zu hundert Prozent: Wenn er nicht gerade „Macarena, Macarena“ sang, klatschte er irgendwelche Rhythmen oder erzählte von seiner früheren Arbeit. Immer wenn ich mich von ihm verabschiedete, wünschte er mir alles Gute und sagte mir, ich sollte an der Straße aufpassen. Überhaupt hatte ich den Eindruck, dass sich diese Menschen sehr darüber freuten, wenn man ihnen Gesellschaft leistet und deshalb fiel es mir des Öfteren schwer, mich loszueisen und in den Feierabend zu gehen.

Trotz der meist guten Stimmung kann ein Altersheim bzw. Seniorenhaus das Zuhause eines Menschen nicht ersetzen. Für ältere Menschen ist es sicher noch deutlich schwieriger, ihre gewohnte Umgebung zu verlassen und in solch eine Einrichtung einzuziehen. Bei Pflegefällen gibt es sicher oft keine andere Möglichkeit, als diese Menschen in einer Pflegeeinrichtung unterzubringen und sofern man sie so oft wie möglich besucht, ist es auch für den Betroffenen möglich, sich in seiner neuen Umgebung einigermaßen wohlzufühlen. Mir taten dann auch vor allem die bettlägerigen Patienten leid, die nicht in der Lage waren, ihr Bett zu verlassen und deren täglicher persönlicher Kontakt auf die Pflegerinnen beschränkt war. Sicherlich fühlten sich diese Menschen oft einsam in ihrem Leid.

Doch auch im Altersheim ist es möglich, neue Freunde zu finden. Auf einer Station war der Zusammenhalt innerhalb der sechsköpfigen Gruppe besonders stark. Zwei Frauen aus eben dieser Station erzählten mir auch, dass sie sich erst im Altersheim kennen gelernt haben und dass sie sich, als eine Umverteilung der Zimmer anstand, sehr darum bemüht haben, benachbarte Zimmer zu bekommen.

Ich beendete mein Sozialpraktikum mit äußerst gemischten Gefühlen. Einerseits tat es mir Leid, da ich in den zwei Wochen sehr gern dort war und ich viel Spaß im persönlichen Kontakt mit den Bewohnern hatte, andererseits war ich froh, nicht jeden Tag mit derart harten Schicksalen konfrontiert zu werden. Der Tag im Altersheim kostete mich viel mehr Kraft als ein Schultag und es war nicht immer leicht, die Erlebnisse des Tages hinter sich zu lassen. Gleichwohl halte ich das Sozialpraktikum für eine sehr sinnvolle Sache. Man kann dabei sehr viele positive Erfahrungen für sich machen; und auch den Menschen, mit denen man in Kontakt kommt, tut es gut, wenn man sich mit ihnen beschäftigt. Das Seniorenhaus St. Klara kann ich für ein Sozialpraktikum nur empfehlen, denn ich wurde dort sehr freundlich aufgenommen und hatte auch das Gefühl, dort wirklich „helfen“ zu können und nicht nur störend im Weg herumzustehen. Viele Menschen dort sind mir sehr ans Herz gewachsen. Ich werde sicher noch das ein oder andere Mal ins Seniorenhaus gehen und die Menschen, die ich in den zwei Wochen doch sehr gut kennen gelernt habe, besuchen.

Lehren & Lernen Compassion compassion 2006-4