Privates Gymnasium St. Paulusheim, Bruchsal
 
Privates Gymnasium St. Paulusheim, Bruchsal

Fahrt nach Oberfranken - Oktober 2009

2.- 4. Oktober 2009

Bericht von unserem Mitglied Manfred Berberich. Die Bilder wurden von
den Reiseteilnehmern Rudolf Sebold und Volker Barth beigesteuert. Die
Umsetzung für die Internetseite erfolgte von Lukas Hügelschäffer.

„Geistliche Impulse“

(Für eine vergrößerte Ansicht bitte auf die Bilder klicken)

1. Tag
Halt in Würzburg - Schloß Weißenstein bei Pommersfelden - Coburg

2. Tag
Bamberg - Kloster Banz - Vierzehnheiligen

3. Tag
Forchheim - Rückfahrt mit Halt in Nürnberg

Die Fahrt hatte einen Höhepunkt. Er stellte sich in der Kirche Vierzehnheiligen ein. Ihm versucht dieser Bericht gerecht zu werden, ihm ist alles zu Berichtende untergeordnet, und das verlangt, daß der Anspruch auf Vollständigkeit und Chronologie aufgegeben wird.

Basilika Vierzehnheiligen, Bad Staffelstein

Gnadenaltar, Basilika VierzehnheiligenEs war ein magischer Moment von zweieinhalb Stunden. Die Zeit stand still. Um 17 Uhr war die Kirche Vierzehnheiligen gut gefüllt zu einer Führung in Form eines Vortrags. Die Sonne durchflutete den ohnehin strahlend schönen, nicht zu überladenen, in Weiß, Gold und sanften Ocker- und Blautönen prangenden Raum, und man wünschte nichts anderes als zu sitzen und zu schauen, mit dem Gedanken, das Raumerlebnis möglichst lange auszudehnen. Ein ästhetisch ausgewogener Raum, der durch seinen Grundriß den wohltuenden Eindruck vermittelte, als schwänge er um einen her, wo man selbst Mittelpunkt wäre. Mit ruhiger, klangvoller Stimme stellte der Franziskanerpater die 14 Heiligen vor, die am Gnadenaltar in expressiven, wie es dem Barock zu eigen ist, aber edlen Gebärden mitten im Raum vor einem standen oder saßen, wie wenn sie von sich erzählten.


Heiliger EustachiusJa, mit der sich verändernden Helligkeit, in der allmählich das künstliche, wärmere Licht dominierte und Schatten- und Tiefenwirkungen immer stärker hervortraten, einem Licht, das mehr und mehr zu Verinnerlichung hinführte, da schienen sie alle irgendwann sich sacht zu bewegen. Es war, wie wenn die Heiligen mitten unter uns wären, körperlich und geistig in
Reichweite, Idealmenschen, Helden, aber Menschen wie du und ich.


Basilika Vierzehnheiligen bei VollmondDann die Heilige Messe mit dem charismatischen Franziskanerpater Christoph Kreitmeir, der mit einer virtuosen, aber vor allem authentischen Predigt mitten ins Herz zielte, wobei er sich selbst auf die Ebene aller Anwesenden stellte. Die hl.Messe las er mit bewegter Stimme. Die Orgel tönte so mächtig, daß die Zuhörer erschauerten. Hier war längst der Geist ganz weit geworden. Solidarität war spürbar unter der großen Gemeinde; der Raum war gefüllt. Zum Schluß die Lichterprozession. Es war schade, daß das Abendessen wartete; das hieß auf die Festzeremonie zum Sterben des Hl.Franziskus verzichten.
Mehr zur Kirche Vierzehnheiligen am Ende des Berichtes. Die 14 Heiligen sollen nun auch diesen Bericht begleiten.


St.Christophorus

Fahrer Lutz John

Er hat in der Überlieferung das Kind Jesus durch den Fluß ans andere Ufer getragen. Er ist der Patron der Autofahrer. Wir danken einem Fahrer von hoher professioneller Qualität, freundlichem, hilfsbereitem Wesen und gelassener Ausstrahlung, der sich zudem in die Gruppe integrierte.

Glückwunsch an Reiseleiter Wolfgang BarthWir danken demjenigen, der die ganze Reise getragen hat. Und es war ja nicht nur die Vorbereitung, perfekte Planung und Durchführung zu leisten; eine inspirierte Programmgestaltung traf auf Führer, bei denen man das Gefühl hatte, daß sie Erwartungen gerecht werden und mehr tun wollten, als nur ihren Job zu erfüllen. Sind Begeisterung und Passion für die Sache in diesem Metier selbstverständlich?
Hubert Aumüller in Bamberg kämpfte an gegen die Fluten von Touristen, gegen den Lärm der Wassermassen der herabstürzenden Regnitz, gegen den Lärm der Autoreifen auf dem Kopf-steinpflaster, der vom Dom zur gegenüberliegenden Residenz zurückgeworfen wurde, er kämpfte mit der zu großen Menge von Bruchsalern, die er allein möglichst gerecht zu bedienen hatte, und er kämpfte mit dem zu reichen Angebot, das Bamberg bietet und von dem er möglichst viel bringen wollte.


Stadtführer in Bamberg - Hubert Aumüller

Es gab von den drei besten unserer Führer – zwei blieben mir infolge der Organisation unbekannt – sogar Bekenntnisse. Hubert Aumüller bezeichnete sich als zögernden Christen, der aber in Vierzehnheiligen als Pilgerführer ungeahnt geistlich berührt worden sei. Und er er-zählte von seiner Heilung von einem Rückenleiden am Grab des Hl.Otto im Kloster St.Michael, das Bamberg überragt.
In Coburg wurde die Bruchsalerin Rosemarie Späth am Grabmal des Herzogs Johann Kasimir sehr ernst angesichts der dahinterstehenden Frömmigkeit und Demut des Monarchen und seiner Haltung dem Tod gegenüber. In diesem Epitaph erscheint der Tod wie die Krönung des Lebens.
In Forchheim äußerte Sigrid Poiger ihre Ablehnung von Bischöfen wie den Schönborns, die sich mehr ihrem Privatleben als dem geistlichen Dienst am Nächsten hingaben, ganz im Gegensatz zu einem Bischof, dessen Portrait sie zeigte. Ihre Verachtung galt zwei Bischöfen zur Zeit der Inquisition, die Hinrichtungen und Verbrennungen in großem Stil durchgeführt hatten, denen man das angesichts ihrer Portraits auch zugetraut hätte.
Und schließlich bekannte der Franziskanerpater in der Predigt, daß von elf Absolventen seines Jahrgangs er allein im Kloster geblieben sei, und er stellte jedem der Gottesdienstbesucher die Frage, ob er denn bereit sei zu bleiben, oder ob man lieber flüchte. - Geistliche Impulse.

St.Georg

Gemälde von Artemisia Genteleschi - "Susanna im Bade"Der Ostchor des Bamberger Doms ist ihm geweiht. Georg wollte lieber den Mitmenschen im Sinne des christlichen Glaubens dienen als eine militärische Karriere machen und büßte dafür mit dem Tode. Im Gebet zum Hl.Georg in der Broschüre des Klosters heißt es: „Gib denen, die über uns herrschen, Ehrlichkeit, Demut und Menschlichkeit.“
Beim Besuch des Schlosses in Pommersfelden kommen einem dazu doch skeptische Gedanken. Wie kann ein Bischof so ausgiebig einem Hobby frönen, das einen ganz beansprucht, nämlich teure und teuerste Gemälde zu sammeln, und dazu noch die geistlichen Geschäfte führen? Er wollte sie immer um sich haben, sagte die Führerin. Es war die größte Privatsammlung der Epoche. Bei auffällig vielen Gemälden dominiert die Erotik.


Merkur über der HauptfassadeDie Ausgestaltung seines Privat- oder Lustschlosses zeigt erheblich mehr Motivik aus der antiken Götterwelt als christliche Motive. Auf der Spitze des Giebels waltet Merkur. Im Marmorsaal wird Merkur am Sims unter der Decke flankiert von Ceres und Minerva als Sinnbild von materiellem Wohlstand und geistiger Blüte. An den begleitenden Urnen, die ein Sinnbild der Fülle sind, haften Schlangen, ein christlich negativ, in der heidnischen Antike positiv besetztes Symbol.


Im kurze Zeit später entstandenen Schloß Brühl bei Bonn, das das wohl schönste Treppenhaus on Balthasar Neumann besitzt und Weltkulturerbe ist, erlaubte sich der Fürstbischof von Köln und Kurfürst Clemens August, Wittelsbacher und Bruder des Kaisers Karl VII, aus-schließlich antik-heidnische Motive zu setzen. Ein abseits in einer Waldlichtung gelegenes kleines Lustschloß diente seiner Leidenschaft, der Aufzucht und Abrichtung von Falken und der Falkenjagd. Nachgewiesen ist auch, daß er sich mit Frauen dorthin zurückzog.
Bei einer Führung durch Schloß Brühl erfährt man, daß im Speisesaal, in dem er allein sein Mahl einnahm, auf der Galerie die Musiker auftraten und Besucher ihm von dort bei Schau-Essen zuschauen durften. Man denkt an das Finale von Don Juan/Don Giovanni.
Bei einer Führung im Schloß Favorite Rastatt (es gehörte der Markgräfin von Baden) erfährt man, daß zu einer Mahlzeit 30 verschiedene Speisen gehörten. Es ist falsch zu sagen: dick war das Schönheitsideal der Epoche; richtig ist zu sagen: es wurde extrem viel gegessen, Essen war Kult: Wildbret, exotische Gemüse- und Obstsorten, die in den Orangerien gediehen, Genußmittel und Süßigkeiten daraus. Man aß während der Opernaufführungen.

Schloß Weisenstein, PommersfeldenIm Schloß Pommersfelden hat das zweite italienische Zimmer eine Decke mit Motiven der Unterhaltung wie z.B. kostümierte Affen und Commedia dell’Arte-Figuren.
Im Führer zum Schloss Pommersfelden liest man die Überschrift „Das Schloß als Stück vom Paradies“. Und „Schloß Weißenstein als Ruhmestempel“.
Wie passt das alles zu unserer Vorstellung von einem geistlichen Spitzenamt? Man ist fasziniert von einem Treppenhaus wie in Pommersfelden, es ist unwirklich oder paradiesisch, man kann sich aber nicht der Zweifel erwehren bei der Frage, wie das finanziert wurde in einer Zeit, in der es Hungersnöte und Kriege gab.
Den Schönborns entkamen wir nicht, ob Würzburg, Bamberg, Banz oder Pommersfelden. Damian Hugo in Bruchsal war der Neffe von Lothar Franz und Sohn von dessen älterem Bruder Melchior Friedrich. Zwei andere seiner insgesamt sieben Kinder waren nacheinander Fürstbischof von Würzburg, einer Fürstbischof von Trier, einer Dompropst zu Bamberg und zu Eichstätt. Einer aus der Verwandtschaft soll mit elf Jahren Bischof geworden sein (laut Führung in Forchheim).


St.Blasius

Er heilte einen Jungen, der an einer Fischgräte zu ersticken drohte. Sein mutiger und geschickter Einsatz für seine Mitgefangenen machen ihn zum Vorbild als Typus des uneigennützigen, unerschrockenen Helfers seines Nächsten. Er starb durch Folter mit einem eisernen Kamm. Er wird mit vor der Brust getragenen zwei Kerzen dargestellt. So erscheint er als Hoffnungsgeber und Heiler. Während des Besuchs der Hl.Messe hatten wir ihn ständig vor uns. Er gilt als Patron der Ärzte, des Wetters, der Wollhändler, der Schneider, der Weber und der Gerber.
Es gab bis ins 19.Jahrhundert Handwerk und Gewerbe, das vor den Toren der Stadt ausgeführt werden musste. Das der Ärzte führte auf den „Spitalstraßen“ aus der Stadt heraus zu den Krankenhäusern, die aus hygienischen Gründen dort ihren Platz hatten. Mit St.Pantaleon werden wir noch einmal zu ihnen zurückkehren.

"Abtritt" oder "Abort" am HausDie Gerber gehörten zu denjenigen, die in der Stadt unerwünscht waren, da sie mit das unsauberste Geschäft betrieben. So baute man die Städte, wie in Forchheim geschehen, nicht zu beiden Seiten des Flusses, sondern an dessen Rand. Auch Müller fanden dort ihren Platz, die Bierbrauer und natürlich die Fischverarbeiter. Die Fische mußten gereinigt, geleert und getrocknet werden. Sehr instruktiv weisen die entlang der Regnitz aufgehängten, mit Ziegeln überdachten Fischkästen auf dieses Metier hin. Die Bierbrauer waren in Franken schon immer heimisch. Die Kulmbacher Biere haben es zu internationalem Ruhm gebracht.
Bildkräftig wirkte jener Vorbau aus Holz an der Hauswand direkt über dem Fluß, der einem die Probleme mit der Hygiene vor Augen führte. Hier konnte man sich auch gut die Entstehung der Worte „Abtritt“ und „Abort“ herleiten.


St.Pantaleon

Er war Leibarzt des Kaisers Maximian. Trotzdem mußte auch er wegen seines Glaubens sterben. Sein Name bedeutet „Allerbarmer“. Als Heiliger und Vorbild steht er für unermüdlichen unentgeltlichen Einsatz. Die älteste der großen romanischen Kirchen Kölns ist ihm geweiht und bewahrt seine Reliquien auf.
Bei vielen der 14 Nothelfer – schon diese Bezeichnung deutet darauf hin – wird ihre Hilfe bei Krankheit und Tod erwähnt. In Pater Hillers Unterlagen wird die Entstehung der Vierzehnheiligenlegende auf die Nöte aus den immer wiederkehrenden Pestepidemien zurückgeführt. Die größte, die Europa entvölkerte, dauerte von 1347 bis 1353. Die letzte fand im 18.Jahrhundert statt. Tatsächlich müssen damals der Glaube und die tatkräftige Hilfe von Menschen wie Pantaleon unermeßlich viel für die Bevölkerung geleistet haben.
Ein auffälliger Typus der europäischen Kulturgeschichte ist der Engelknabe oder Putto. In der Antike als Amorknabe oder Erote (mit Flügeln) tausendfach in der Kunst vertreten, wird er im Hochmittelalter als Engel ein Vermittler himmlischer Reinheit und Heiterkeit für die irdischen Menschen; ab der Renaissance bevölkert er in schier unendlicher Zahl die Motive der Malerei. Stets verkündet er so etwas wie die Möglichkeit des Paradieses auf Erden. Die Erscheinung des Jesusknaben wird der der Putten angenähert, wie bei Stefan Lochner im 15.Jahrhundert, bei Lukas Cranach und Albrecht Dürer um 1500 vielfach zu sehen.
Auch die Gründungslegende von Vierzehnheiligen tut das. Sie berichtet, dem Sohn des Langheimer Klosterschäfers sei das Jesuskind erschienen (Zitat nach der zweiten Ausgabe des Mirakelbuches von Vierzehnheiligen 1596): „unnd er sahe umb es stehen viertzehn Kindtlein / die hetten an halb rot / und halb weiß / und das Kindtlein ein rot Creutz an seinem Hertzen / dasselbige war etwas lenger dan der andern eins“ Das Jesuskind bedeutete dem Schäfersohn: „wir sein die viertzehn nothelffer / und woellen ein Cappeln haben / auch gnediglich hie rasten / unnd biß unser diener / so woellen wir dein diener wieder sein.“

Heiliger Geist mit Putten über der KanzelMan sieht an der Symbolik der Vierzehnheiligenlegende mit der Erscheinung der vierzehn Kinder als Begleiter des Jesuskinds aber auch, wie sehr Kinder Hoffnungsträger in der Realität sind und wie wichtig Bevölkerungspolitik wurde, die schon im Anschluß an die Epidemie im 14. Jahrhundert einsetzt. Auch die Verfolgung der Hebammen als derjenigen, die Empfängnisverhütung vermittelten, muß in diesem Zusammenhang gesehen werden. Und ebenfalls muß man erwägen, die inflationsartige Vermehrung der Putten als Dekorations-element in der barocken Architektur nach der Katastrophe des dreißigjährigen Krieges damit in Verbindung zu bringen. Es sind eben nicht nur himmlische Engelchen, die das Himmelreich auf Erden holen und die göttliche Legitimation der Herrscher verkünden, sondern es sind auch Kinder, ohne Flügel.


Ein trauriges Kapitel in der Geschichte Europas der letzten 1000 Jahre ist der Umgang mit den Juden. Sie durften weder handwerkliche, noch dienstleistende Berufe ausüben, sie waren Bankiers oder Händler, oft Viehhändler oder Bauchladenhändler in den kleinen fränkischen Städten. Von ihrem geschäftlichen Erfolg profitierten die Städte. Doch geschah es immer wieder, dass man sie, wie 1353 in Basel oder Straßburg für den Ausbruch der Pest verantwortlich machte und dafür hart bestrafte oder umbrachte. Sie mußten außerhalb der Stadt wohnen. So führt auch in Bamberg die Judenstraße aus der Kernstadt heraus. In Trier wohnten sie inner-halb der Mauern, aber in einem Ghetto.
Die Spitäler lagen außerhalb der Stadt. Man hatte Angst vor Ansteckung. Fremde mußten sich vor dem Stadttor untersuchen lassen. Man wollte auf Hygiene achten, wußte aber nicht wie. Den Ausbruch von Epidemien schrieb man schlechter Luft zu. Gegen die Pest setzte man Räucherkerzen ein. Den Kontakt mit warmem Wasser mied man bis etwa 1770, man wusch sich höchstens lauwarm, da man annahm, daß die Poren der Haut mit dem warmen Wasser gleichzeitig auch Krankheiten aufnahmen. Den Schmutz der Straße versuchte man durch Treppen, die zum Hauseingang führten, und durch Stroh fernzuhalten.
Einen guten Einblick in das Leben der Altstadt Bambergs im 16.Jahrhundert, mit einer Pestepidemie, gibt der gut recherchierte und spannende historische Roman „Der Fluch des Kopernikus“ von Philipp Vandenberg.

Sancta Katharina

Perspektive kultureller EntwicklungIhr Name bedeutet die „allzeit Reine“. Sie war schön, daher begehrt. Sie widerstand allen Angeboten, auch den Drohungen, als sie aufgefordert wurde, den christlichen Glauben abzulegen. Sie wurde gefoltert und auf ein Rad gebunden. Als das Rad zerbrach, wurde sie mit dem Schwert hingerichtet. Zu Rad und Schwert kommen als ihre Symbole noch Krone und ein Buch.
Das Buch verweist auf die für ihre spätere Verehrung als Heilige wichtigste Eigenschaft, ihre Klugheit und Bildung. In einem Rededuell besiegte sie 50 Philosophen. Daher ist sie die Patronin aller Lehrenden, der Wissenschaftler, der Rechtsgelehrten und der Politiker. Was ihre Erscheinung besonders kostbar macht, ist die Verbindung von Wissenschaft und Religiosität. Man sieht diese Verbindung in ihr verkörpert, oder anders gesagt, die Vereinigung von Glaube und Vernunft. Es ist dies ja das große Thema von Benedikt XVI. Es ist dies die Neufindung des Glaubens nach den Verirrungen im Absolutismus und der Infragestellung durch die Aufklärung.
Die Gestalt Katharinas paßt sehr gut zu dem Bild, das wir uns nach der Führung durch Coburg vom dortigen Herzog Johann Kasimir machen, der diese Stadt so geprägt hat. Er hat ihr auf der einen Seite ein Schulsystem verordnet und das nach ihm benannte Gymnasium gegründet, auf der anderen Seite hat er mit dem Epitaph in der Kirche ein Monument von Glaube und Frömmigkeit, auch von Unterordnung des Monarchen, von Einordnung der Macht des Monarchen unter göttliche Macht gesetzt.


Sancta Barbara

"Coburger Erker"Barbara mit dem Turm würde sehr gut zu einer architektonischen Kuriosität passen, die wir in Coburg kennenlernten, dem „Coburger Erker“. Ein solcher muß einen hohen Ständer in Form einer Säule, darüber zwei Stockwerke und darüber wiederum ein Dach besitzen.
Köstlich war dazu der Kommentar der Führerin, der die hinter dieser Erfindung zu erahnende Schläue der Architekten offenlegte. Von den vier Erkern auf dem Marktplatz aus kontrollierten sie wirkungsvoll den Handel der Waren und die Zölle, die zu entrichten waren. Wenn ein Erker dann noch an der Ecke Marktplatz/Hauptstraße angebracht war, konnten sie einen Mann einsparen, da man Aussicht in beide Richtungen besaß.


Coburger Rostbratwürstestand auf dem MarktplatzJa, Schläue scheint die Coburger schon immer ausgezeichnet zu haben, da sie ihre Lage am Nord-Süd-Handelsweg jahrhundertelang zu Wohlstand genutzt haben, wie das Stadtbild es verrät, wovon auch die ehemals zahlreichen Brauereien künden, ebenso die Pflege von Traditionen wie der Wurstbraterei über Kiefernzapfen, des Kräuterlikörs (wohl auch im Zusammenhang mit der Pest von Bedeutung) und den daraus hergestellten Süßigkeiten, den „Coburger Schmätzchen“.
Schläue scheinen sie vor allem mit ihrer Heiratspolitik bewiesen zu haben, z.B. im 19.Jahrhundert um die englische Königin Viktoria und den Herzog Albert von Sachsen-Coburg. Die Führerin lieferte dazu den Zuhörern spannende Unterhaltung, wo man sonst im Geschichtsunterricht eingeschlafen wäre. Schon im 16.Jahrhundert unter Kasimir Vater und Sohn gab es diese Politik. So entstand unter anderem die Verbindung der Kurfürsten von der Pfalz nach Sachsen und Böhmen. Die Frau des Coburger Kasimir stammte aus der Pfalz, und ein pfälzischer Johann Casimir war als Vorgänger Friedrichs III Kurfürst in Heidelberg. Am Friedrichsbau steht seine Skulptur, innen hängt sein Portrait.


St.Cyriacus

Er, „dem Herrn geweiht“, wird von Bedeutung durch die Zwangsarbeit, zu der er vor seiner Hinrichtung verurteilt war. So wird er der Patron der Unterdrückten, und generell der Kleinen in ihrer Hilflosigkeit gegen die Großen.
In Coburg gibt es das Schloß Ehrenburg. Seinen Namen bekam es von der Tatsache, daß es ‚ehrenvoll’, nämlich ohne Zwangsarbeit errichtet wurde. Auch im Schloß Bruchsal hört man das so von den Führerinnen. Wenn das so betont wird, muß man annehmen, daß es die Ausnahme war, und daß zumindest Zwangsabgaben üblich waren.
In Schloß Pommersfelden erfuhren wir davon nichts. Unser Besuch krankte daran, daß man hauptsächlich eine Gemäldegalerie besichtigte, was zu einem Führungsstil führte, in dem die Aufzählung von Daten vorherrschte. Die ohnehin knapp bemessene Zeit erlaubte zu wenige Bezüge auf die Lebensverhältnisse des Fürsten, und somit auch keinen Stoff zur Reflexion über die eigene Gegenwart. Zu kurz kam die Ikonographie, die Aufschlüsselung der Motive, wie z.B. alles, was sich auf die Selbstdarstellung des Monarchen bezog, wie die Fama, die mit ihrer Posaune den Ruhm des Herrschers in alle Welt verkündet, wie die Funktion des Grotten-saales – sie wurde nur angedeutet – und die des Treppenhauses mit dem motivisch originellen Deckengemälde und der Farbgebung – sie wurde uns nicht eröffnet.

Altar in St.Cyriacus in Krefeld-HülsDas Gebet der Franziskaner:
„Heiliger Cyriakus, öffne unsere Augen für die leiblichen und die geistigen Nöte unserer Mitmenschen. Gib uns die Bereitschaft, auch die Kleinen mit ihren großen Sorgen anzuhören und ihnen in ihrer Not beizustehen. Hilf, dass unser Herz nicht in Egoismus und Hoffnungslosigkeit erstarrt.“
Einer der schönsten Schnitzaltäre Baden-Württembergs steht in der Kirche St.Cyriacus in Besigheim. Er zeigt Auszüge aus dem Leben des Heiligen. Eine künstlerisch interessante moderne Version der 14 Nothelfer mit Cyriacus im Zentrum findet sich am Altar der Kirche St.Cyriacus in Krefeld-Hüls.
Kennen sie den Sulzfelder Cyriakusberg? Das ist eine hervorragende Weinlage bei Sulzfeld am Main im Dreieck zwischen Kitzingen und Ochsenfurt. Nicht im Kraichgau. St.Cyriacus ist auch Patron der Winzer.


Sancta Margareta

Ausschnitt aus "Paradiesgärtlein"Um 1410, also kurz vor der 14-Heiligen-Legende, entstand ein berühmtes Gemälde mit dem Titel „Paradiesgärtlein“, dessen Urheber man nicht kennt. Auf ihm liest die Gottesmutter in der Bibel, pflückt Dorothea Kirschen, schöpft Barbara Wasser aus einem Teich und spielt Katharina mit dem Jesuskind. Es sollten wohl drei weibliche Heilige sein, so wie es auf der rechten Seite des Bildes drei männliche Heilige gibt, darunter der Hl.Georg. Margareta ist nicht dabei, aber sie bildet mit den obengenannten die Vierergruppe der ‚virgines capitales’, der repräsentativ wichtigen Jungfrauen.
Sie stammt aus sozial niederen Verhältnissen und ist als Schweinehirtin tätig. Als Bäuerin zeigt sie am Margaretentag den Beginn der Ernte an. Ihr Name bedeutet „Perle“.
Als schöne junge Frau widersteht sie ebenfalls allen Versuchungen und sie, die Unschuldige, besiegt das Böse. Daher bedeutet ihre Verehrung den Sieg über irdische Verlockungen und Orientierung in der Suche nach dem wahren Leben. Darauf weist auch der Drache hin, der zusammen mit dem Kreuz ihr Emblem ist. Goethe läßt allerdings sein Gretchen im Faust der Versuchung erliegen und hinrichten, als sie, ohne Ausweg, ihr Kind tötet. Faust selbst bleibt ungeschoren.


Erntedank in Vierzehnheiligen

St.Achatius

Haus vor der RestaurierungEr könnte als Margaretes männliches Pendant gelten. Sein Emblem ist ebenfalls das Kreuz, zusammen mit einer Dornenkrone. Er ist Ritter und aufrichtiger Soldat im Dienst. Alles Böse ist bei ihm fern, er ist seinem Namen nach griechisch akakios = der nicht Böse, der Unschuldige. Und er ist der Loyale, der Gerechte. Man betet zu ihm im Streit um Gerechtigkeit.
Wenn Finanzbeamte eine Pilgerreise unternehmen, wie das beim Festgottesdienst am 3.Oktober, dem Todestag des Hl.Franziskus, der Fall war, ist das kein Anlaß für Satire. Denn es bedeutet, daß diejenigen, die Herrschaft und Kontrollmacht über uns haben, um ihre Eignung dafür, also um ihre moralische Integrität, kämpfen, zumindest an ihr arbeiten. Der Rückschluß auf Epochen, in denen willkürlich mit Untergebenen verfahren wurde, ist leicht zu ziehen. Ich möchte auch die Bekämpfung von Lüge und Bestechung dem Hl.Achatius anheimgeben, im weiteren Sinn die Geringschätzung von allem, was nur äußerer Schein, nicht echt ist und nicht der Wahrheit entspricht, also nur Fassade.


Haus nach der RestaurierungEin wirklich kurioses und überraschendes Phänomen, das einen nachdenklich macht, war das in Bamberg und Forchheim zu beobachtende Verkleiden von Häuserfassaden. So machte man nach dem Willen des Fürstbischofs aus einer Fachwerkstadt eine Barockstadt, gegen den Willen der Bevölkerung. Grotesk mutete das an am Bamberger Margaretendamm, der Straße, die an der Regnitz entlang rechts vom Fluß aus der Stadt hinausführt. Zum Fluß hin bilden die Häuser das berühmte Klein-Venedig, zur dahinterliegenden Straße hin sind es Häuser mit Barockfassade: einfach Verputz auf dem Fachwerk. In Forchheim wurde dieser Verputz teilweise wieder abgeklopft und das Fachwerk restauriert.


Fassade aus Stein mit seitlichem FachwerkDie Groteske erreicht ihren Höhepunkt in den imposanten Fassaden aus Stein, wenn man im Zwischenraum zwischen zwei Häusern unmittelbar dahinter das seitliche Fachwerk sehen kann. Erinnert das nicht an Gepflogenheiten der DDR?

Gelogen wird ja „daß sich die Balken biegen“. Die Balken bogen sich, wie man gegenüber der Tourist Information in Coburg sehen konnte, wenn der Reichtum zu groß war und die Last der unter den hohen Giebeln gelagerten Güter zu schwer nach unten drückte. So kann auch der Inhalt von Lügen zuviel Gewicht entwickeln. In Coburg sahen wir auch „Steine des Anstoßes“. Damit die Karossen die Toreinfahrten bei der Durchfahrt nicht beschädigten und nicht zu nah heranfuhren, lehnte man dicke Steine gegen deren Innenseite.
Besonders schwer wog als Last in den Speichern das Salz. Salz, mit dessen Übermaß wir heute unsere Gesundheit ruinieren, war damals das ‚weiße Gold’. Es wurde auf Salzstraßen durch Europa transportiert, z.B. in Nord-Süd-Richtung über Coburg, Bamberg, Forchheim, Nürnberg. Viele Städtenamen mit der Silbe -hall- für ‚Salz’ , wie Hallstadt bei Bamberg, zeugen davon. Eines der berühmstesten alten Häuser im Elsaß ist das sehr hohe Salzhaus in Weißenburg an der deutschen Grenze. Auch dort fallen die vielen Dachluken auf, durch die dafür gesorgt wurde, daß die Ware trocken blieb.


Der Heilige Mauritius ist auf vielen Kanaldeckeln abgebilderAuf ihrem Weg nach Norden zum Magdeburger Dom über die Salzstraße machte die Reliquie des Heiligen Mauritius in Coburg Station. Daran erinnert das Coburger Stadtwappen. Der Heilige wird als Schwarzafrikaner dargestellt, damals ‚Mohr’ genannt, weil er aus Ägypten stammte. Er wurde als hoher Offizier im römischen Heer in St.Maurice bei Martigny nahe dem Genfer See zusammen mit seiner gesamten Legion wegen seines christlichen Glaubens hingerichtet. Auch die Hl. Katharina ist Patronin des Magdeburger Doms und wurde ebenfalls, da sie aus Alexandria in Ägypten stammt, gelegentlich als Mohrin dargestellt, so in dem gleichnamigen Gemälde von Dürer.


"Hl. Katharina", Zeichnung von Dürer

St.Ägidius

St. ÄgidiusVon Bamberg ist mir nicht das Rauchbier, das ich mir zum Mittagstisch bestellt habe, in guter Erinnerung, eher schon der Blick auf die Dächer der Stadt vom Rosengarten aus. Schockiert hat mich aber ein Mann, der über Kopfhörer akustisch beschäftigt war, mit der einen Hand telephonierte und mit der anderen seinen Hund ausführte. Wo war der Mann? Bei seinem Hund? Bei seinem Gesprächspartner? Bei seiner Musik? In Bamberg?
Nachmittags, während der Betrachtung des Heiligen Ägidius in der Kirche, der mit seiner Hirschkuh lange vor mir saß, fiel mir der Mann aus Bamberg wieder ein.
Ägidius, der einzige unter den Nothelfern, der nicht Märtyrer ist, hat dennoch seinen Platz unter den Vierzehn als Eremit, als einer der den Tieren nahe ist, der eine Hirschkuh gesund gepflegt hat, als Mensch der Kontemplation, der Stille, als Mensch, der ganz bei sich und der Gott nahe ist.


St.Erasmus

St. ErasmusEr besänftigte durch sein Gebet das Meer. So kann er Antipode des Ägidius sein als ruhender Pol mitten in den Stürmen des Lebens. In der Kirche sehen wir ihn am Altar mit überlegener Geste und würdevoller Körpersprache zu den Menschen geöffnet vor uns stehen.
Das Gebet der Franziskaner:
„Heiliger Erasmus, unser Leben ist wie ein unruhiges Meer. Wir sind bedroht von den Stürmen des Unglaubens, von den Wellen des Egoismus, von den Strudeln der Angst, von der Finsternis der Hoffnungslosigkeit. Geleite du das Schiff unseres Lebens sicher zum Ufer des ewigen Lebens.“
Das ewige Leben allerdings ist mitten unter uns zu suchen. Dazu Worte Benedikts XVI am Ende des Berichts.


St.Dionysius

Heinrich und Kunigunde an der Adamspforte des DomesEr wurde auf dem Montmartre-Hügel - daher der Name - in Paris gemartert und geköpft. Mit dem Kopf in der Hand, ging er noch 8 km nordwestlich aus der Stadt heraus, bevor er tot war. An jener Stelle baute man eine Kirche, ein Kloster, später dann die erste und stilbildende große gotische Kathedrale. Der Stil hat von da an ganz Europa erobert. Es wurde die Krönungskathedrale der französischen Könige und ihre Grabstätte. Insofern steht sie dem Bamberger Dom nahe, auch er Königskirche und für die Gotik stilbildend. Heute steht sie in einer Vorstadt von Paris, Saint-Denis. Sie ist mindestens so schön wie Notre Dame.
In St.Dionysius kann man den sehen, der seinen Weg geht, der trotz Strapazen weiter geht, der weiter geht als möglich, der vertraut, der Pionier wird, ein Gründer von Neuem.


Ihm entspräche der Sachse Heinrich II, der das Kaisertum von Gottes Gnaden befestigte und laut Quellenlage auch verkörperte, der aus Bamberg das architektonische, geistliche und Bildungszentrum seiner Zeit machte mit seiner Mal- und Schreibschule – Beispiel: das Perikopenbuch Heinrichs II -, und ein zweites Rom auf sieben Hügeln anlegen ließ mit Kirchen in Kreuzform als Stadtgrundriß. Sein Vorgänger Otto III, mit 19 Jahren verstorben, hatte im Jahre 1000 die Vorarbeit geleistet für die Befestigung des Christentums in Europa, als er Stephan von Ungarn und Boleslaw Chrobry von Polen und Böhmen zum Königstitel verhalf, die das Christentum in ihren Ländern durchsetzten. Heinrich verheiratete seine Schwester mit König Stephan. Mit Boleslaw hatte er Kriege zu führen, bis eine neue territoriale Ordnung im Osten des Reiches gefestigt war. Sein Nachfolger war der Salier Konrad II. Er konnte sich auf die Ordnung im Osten stützen. Von seiner Herkunft stand ihm der Westen näher. Er wurde der Begründer des Speyerer Doms als der damalig größten Kirche des Christentums.

Dom Mittelschiff mit Bamberger ReiterDie kühne, vorher nicht gekannte Installation eines Reiterstandbildes im Dom, zeitweise deutsches Nationalheiligtum geworden, ist ein Rätsel geblieben. Aber die Erklärungsvariante, der Bamberger Reiter stelle König Stephan von Ungarn dar, die unser Bamberger Führer bevorzugt, bezieht aus dem genannten politischen Hintergrund ihre Wahrscheinlichkeit. Die Statue von 1238 mit der Darstellung eines idealisierten Herrschers ist eine Verherrlichung der Pionierleistung des Königs Stephan, vergleichbar der von Heinrich II.
Bamberg zu sehen schafft immer ein Problem: es ist so viel, so viel. Wenn dann auch noch im Dom die Entscheidung zu treffen ist: hier bleiben und das Orgelkonzert anhören oder nicht (wann hat man schon einmal die Gelegenheit, ein Orgelkonzert im Bamberger Dom zu hören?), dann gibt es, gleich wie die Entscheidung ausfällt, nur eine Antwort: wiederkommen!


St.Vitus

„Helfer in Anfällen wie Epilepsie, Tollwut, Schlangenbiß, bei Blitz und Ungewitter, für Aussaat und Ernte, Patron der Lahmen und Blinden, der Schmiede, Küfer, Gastwirte, Bierbrauer, Schauspieler, Apotheker, der Jugend und der Haustiere, Schutzherr zahlreicher Zünfte und Bruderschaften.“
Sein Patronat ist über einen so großen Menschenkreis verstreut, daß man meint, alle möchten ihn als Finder des Lebens selbst für sich beanspruchen. Denn alle sind auf der Suche nach dem ‚eigentlichen’ Leben. Sein Name bedeutet ‚lebendig, lebenskräftig’. Da er fast noch als Kind starb, verkörpert sein symbolkräftiger Name noch besser das, was man in ihm verehrt.
Ich möchte von einem Theaterstück sprechen, das ich vier Tage nach der Reise in Heidelbergmiterlebte. Es fand in einem Bus statt, da das Heidelberger Theater renoviert wird. Titel des Stückes „Ersatzverkehr“. Auf der Fahrt besichtigt man Heidelbergs südwestliche Außenbezirke, zunächst mit falscher Benennung sämtlicher häßlicher Objekte, an denen man vorbeigeführt wird, als Karikatur der üblichen Besichtigung der berühmten Sehenswürdigkeiten, dann fährt man in eine Wüste, ein künftiges Neubauviertel, hält an einem Ausländerwohn-heim, vor einem Bordell, kommt durch Industriebezirke und trostlose Wohnblockviertel, umrundet einen Friedhof, endet in abgeschmackter Leuchtreklame. Darüber wird verbal, analog zu dem, was man erblickt, ausgebreitet, wie oberflächlich unser Leben angelegt, mit welch wert- oder sinnlosen Dingen es angefüllt ist, wie wir es verkaufen und so versuchen, der Häßlichkeit zu entkommen. Ein Schauspieler sprach den Satz aus:„wir sind immer unterwegs, auf der Suche nach Glück und Zerstreuung“. Wenn wir dieses „und“ nicht summierend, sondern erläuternd hören, ist es wirklich nicht weit bis zur Erkenntnis: Unser Leben ist ein Ersatzverkehr.
Das Theaterstück war eine verstörende Begegnung. Und sie führte mich wiederum zurück nach Vierzehnheiligen:

St.Eustachius

Decke der Basilika VierzehnheiligenEr erblickte einen Hirsch mit einem leuchtenden Kreuz zwischen den Geweihstangen. Hier sind wir bei der Sehnsucht der Menschen aller Zeiten nach dem Wesentlichen, nach dem Durchblick, nach Visionen, nach Erleuchtung angekommen. Die Sehnsucht nach Licht und Höhe ließ die Menschen die antiken Sonnenkulte erdenken, Mithras, Apollo, Sol, auch das Weihnachtsfest, ließ sie die gotischen Kathedralen erbauen, ließ die Freimaurer vom Dunkel zum Licht streben, ließ die Intelligenz des 18.Jahrhunderts vom „Licht der Vernunft“ träumen – ‚Aufklärung’ heißt in anderen Sprachen ‚age of enlightenment’ und ‚siècle des lumières’.
Die traumhaft schönen Treppenhäuser der barocken Schlösser ziehen den Blick, der sich über mehrere Stockwerke erhebt, durch Illusionsmalerei noch weiter nach oben ins Unendliche.
Sie übernahmen es von den Deckengewölben der Kirchen – die Jesuitenkirchen Il Gesu und San Ignazio in Rom waren die ersten, die die Technik entwickelten. Man muß Zeit haben und ohne schmerzende Halswirbel blicken können, um sich der Wirkung hingeben zu können. Schauen erzeugt Gefühle. In Vierzehnheiligen hatten wir die Zeit. Wir waren in der Gemeinschaft von Pilgern. Wir erlebten einen fränkischen Pilger, der zum 60.Male da war. Der Franziskanerpater Johannes Thum beschrieb diesen Pilgerweg und sein Ziel, die Basilika, dann benannte er das Erlebnis des Pilgers, wenn er an seinem Ziel am Gnadenaltar verweilt und dann sein Blick nach oben geht zum Deckengemälde.
Er nannte es die „ewige Glückseligkeit“.


Gemälde über dem Gnadenaltar "Ewige Glückseligkeit"

Nun die Worte Benedikts XVI aus seiner letzten Enzyklika über die Hoffnung:
„Wir möchten irgendwie das Leben selbst, das eigentliche, zugleich kennen wir das nicht, wonach es uns drängt. Dies Unbekannte ist die eigentliche Hoffnung, die uns treibt. Ihr Unbekanntsein ist zugleich der Grund aller Verzweiflungen wie aller positiven und aller zerstörerischen Anläufe auf die richtige Welt, den richtigen Menschen zu. Das Wort „ewiges Leben“ versucht, dem unbekannt Bekannten einen Namen zu geben.
Ewigkeit ist nicht eine immer weiter gehende Abfolge von Kalendertagen – Ewigkeit schreckt uns -, sondern so etwas wie der erfüllte Augenblick, in dem uns das Ganze umfängt und wir das Ganze umfangen. Es wäre der Augenblick des Eintauchens in den Ozean der unendlichen Liebe, in dem es keine Zeit, kein Vorher und Nachher mehr gibt.
Wir können nur versuchen zu denken, daß dieser Augenblick das Leben im vollen Sinn ist, immer neues Eintauchen in die Weite des Seins, in dem wir einfach von der Freude überwältigt werden. In dieser Richtung müssen wir denken, wenn wir verstehen wollen, worauf die christliche Hoffnung zielt.“

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