Privates Gymnasium St. Paulusheim, Bruchsal
 
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Reise durch Lothringen - Oktober 2008

Metz - Pont à Mousson - Reims - Nancy - Sarrebourg

ein Bericht von Manfred Berberich

Freitag, 3. Oktober: Metz

  • Vormittag
    Führung durch die Kathedrale von Metz mit Schwerpunkt Kirchenfenster von Marc Chagall

  • Mittag
    Die Innenstadt von Metz zur freien Verfügung

  • Nachmittag
    Führung durch Metz im eigenen Bus

  • Abend
    Aufenthalt im Quartier, der ehemaligen Prämonstratenser-Abtei Pont-à-Mousson

Samstag, 4. Oktober: Reims
  • Vormittag
    Führung durch die Kathedrale
    Führung im eigenen Bus Basilika St-Rémi und Innenstadt von Reims

  • Mittag
    Die Innenstadt von Reims zur freien Verfügung

  • Nachmittag
    Besuch der Champagner-Kellerei Mumm

  • Abend
    Aufenthalt im Quartier, der ehemaligen Prämonstratenser-Abtei Pont-à-Mousson

Sonntag, 5. Oktober: Nancy
  • Vormittag
    Führung durch die Innenstadt zu Fuß

  • Mittag
    Die Innenstadt von Nancy zur freien Verfügung

  • Nachmittag
    Führung zu verschiedenen Jugendstilhäusern im Stadtgebiet von Nancy im eigenen Bus
    Führung zu Chagalls Glasfenster „La Paix“ in Sarrebourg

  • Abend
    Ausklang im Winzerlokal in Flemlingen bei Landau



3. Oktober

Vormittag in Metz

Kennen Sie Metz? Wenn nicht, wird es Zeit. Wieviele Deutsche wüßten auf Anhieb, an welchem Fluß Metz liegt, an (von Ost nach West) Saar, Mosel, Maas oder Marne?
Es ist schon erstaunlich, wie eindeutig die Deutschen Straßburg favorisieren und Metz ignorieren, obwohl doch beide vergleichbar sind an Interessantheit und Attraktivität. Denn abgesehen vom dort überwiegenden Fachwerk des Straßburger Gerberviertels hat Metz alles, was Straßburg attraktiv macht, nämlich ebenfalls eine bedeutende stilreine gotische Kathedrale, eine umfangreiche historische Altstadt, eine bewegte Geschichte in deutsch-französischer Grenzregion mit vielen Zeugnissen der Auseinandersetzung - die hier vielleicht noch ausgeprägter sind als in Straßburg, ein reizvolles Stadtbild mit malerischen Winkeln, großzügigen Grünanlagen, nicht nur am Moselpark, eine Lage zwischen den Flüssen und eine Flussinsel. Den Reiz der Lage erhöht das geographische Relief, während Straßburg und Reims völlig ebene Städte sind.
Außerdem floriert Metz kulturell, es wird viel in Kultur investiert, in den Straßen hat man den Eindruck einer jungen Stadt, da viele Studenten sie bevölkern. Es gibt etliche Hoch- und Eliteschulen. - „Hauptschulen“ nannte sie unsere französische Führerin – es war einer ihrer doch zahlreichen komischen Übersetzungsmomente.
Bemerkenswert also, eine 3-tägige Reise auf dem Besuch dieser Stadt aufzubauen! Es sollten noch manch andere positive Überraschungen folgen.
Und doch hätte es sich zu Beginn auch anders entwickeln können, bei dem tristen Wetter, der ungemütlichen Temperatur, dem Regen an diesem 3.Oktober um 10 Uhr morgens. Hier waren entscheidend der Schwung der französischen Führerin, die Neugier, die sie vermittelte, die Spontaneität und die Begeisterung für ihre Stadt.

Am Vormittag zwei Stunden für die Kathedrale. Sie hat es verdient. Sie ist außergewöhnlich und kunstgeschichtlich bedeutend. Aber man sah es ihr zunächst nicht an. Sie müsste außen vollständig gereinigt werden, sie müsste vor allem innen sauberer sein, wo man sich doch ein bisschen verwundern kann über den Anschein verwahrloster Wand- und Säulenflächen. Sie strahlt einfach nicht, trotz des herrlichen gelben Kalksteins von Jaumont, der die ganze Altstadt in seiner Farbe einheitlich prägt, der das Motto für eine Touristenbroschüre liefert, nämlich „ville de lumière“ – Stadt des Lichts, als „Stein von Licht und Honig“.
Der großartige, überwältigende Raumeindruck wie in Reims ergibt sich in dieser Kathedrale nicht; ihre Schönheit muß erobert werden. Und das vermittelte die Führerin gründlich.
Ich kann nur Fakten mitteilen. Das Schiff hat mit 42 m nach Amiens die zweitgrößte Höhe einer französischen Kathedrale. Die gotische Wundertechnik des Gurtgewölbes, die die Last einzig auf die Pfeiler ableitet, dadurch die Seitenwände entlastet und öffnet und zu den Faktoren Höhe und Licht führt, hat hier wahrlich ihren Höhepunkt gefunden. Und das Licht strömt hier wie sonst nirgends. Dieses Gotteshaus hat die größte Gesamt-Glasfläche Frankreichs. Und wie sie genutzt wurde!
Vom 13. bis zum 20. sind alle Jahrhunderte vertreten, und die Möglichkeit, dies ausführlich erklärt zu bekommen, öffnet einem die Augen für eine Bilderwelt aus farbigem Glas, die das Denken und Sehnen jeder Epoche abbildet. Es sind überraschend viele Fenster von Chagall dabei. Sie sind intensiv farbig und leuchten. Aber sie wollen auch verstanden sein und da war man eben dankbar, dorthin geführt zu werden. Ich möchte hier auf die schöne Bildergalerie von Volker Barth verweisen.
Ach ja, die älteste Orgel Frankreichs hängt auch noch hier, ganz oben. Gelegentlich wird sie gespielt, wenn der Organist Courage hat hinaufzuklettern und schwindelfrei ist.
Wir haben sie leider nicht spielen hören.


Mittag in Metz

Pause. Freizeit. Zeit, um sich gemütlich in ein Restaurant zu setzen. Es gibt einige, die äußerlich nach nichts aussehen, aber eine teure Speisekarte haben und innen voll belegt sind. Entsprechend lange ist dann auch der Aufenthalt in ihnen. Aber es gibt auch andere, z.B. unter den Arkaden auf dem Platz zwischen Kathedrale und Oper in einem vielleicht 5 m hohen Raum bei einem Italiener, wo man froh ist, eine Pasta essen zu können mit Blick auf die Altstadt-Kulisse, zumal es begonnen hat zu regnen.
Manche stürzten sich ins Gewühl der Geschäfte, man ist ja hier wirklich in Frankreich. Andere promenieren in den Markthallen und ergötzen sich mit den Augen, sofern sie nicht noch eine Fischsuppe schlürfen, vor den Ständen an den Mengen von ausgelegten Schalentieren, Krabben, Krebsen, Garnelen, Langusten, Hummerkrabben oder an Meeresfrüchten und den endlosen Fischarten.
Andere machen einen Rundgang durch die Fußgängerzone der historischen Altstadt bis hoch zum Sainte-Croix-Hügel, dem Zentrum des frühen Metz. Auf dem Weg hinauf in der rue Taison, der Nord-Süd-Achse der alten Stadt, auf der Strecke von Trier nach Marseille gelegen, haftet der Blick am Drachen, der über der Straße hängt; auf ihn hat schon die Führerin hingewiesen. Es ist der Graouilly.

Der Graouilly hat der Beschreibung von François Rabelais, dem großen Erzähler des 16.Jahrhunderts, nach folgendermaßen ausgesehen: „Er hatte Augen, größer als der Bauch, und einen Kopf, größer als der Rest des Körpers, hatte hohe, breite und abscheuliche Kiefer mit hervorstehenden Zähnen oben und unten.“
Jeder Alteingesessene in Metz kennt die Sage. Der Heilige Clemens, der um 280 Metz christianisierte, ging dem Untier entgegen, das in den antiken Arenen hauste. Als er die Hauptstraße, die dann rue Taison heißen sollte, herabschritt, forderte er die Bürger der Stadt mit dem Ruf „Taisons-nous“ (laßt uns schweigen) auf zu schweigen, um das Monster nicht aufzuwecken. Furchtlos gebot er ihm dann, den Ort auf der Stelle zu verlassen, er band es mit seiner Stola fest und führte es an die Ufer der Seille. Dort tauchten der Graouilly und die übrigen Schlangen in seinem Gefolge ins Wasser und wurde nie mehr gesehen.


Nachmittag in Metz

Stadtführung. Im eigenen Bus. Das Bild, das man am Ende der Führung bekommen hat, ist das einer vielfältigen Stadt mit vielen Überraschungen. In manchen öffentlichen Aussagen wird diese Stadt als eine der schönsten Frankreichs bezeichnet.
Ich möchte einige der wichtigsten Stationen skizzieren. Die historisch gewachsene Lage zwischen den Flüssen vor der Mündung der Seille in die Mosel und die Befestigungsanlagen um diesen frühen Kern herum lassen sich vom Bus aus gut ermessen.
An der Seille unterhalb des Sainte-Croix-Hügels liegt ein Gerberviertel mit charakteristischen Fassaden und Dachformen. „Hier sehen wir ein Fluss aus Italien“, meinte die Führerin und machte wieder einen ihrer sympathischen (wir Deutschen lieben ja den charmanten französischen Akzent so sehr), aber komischen Sprechfehler; sie wollte sagen „…Einfluss aus Italien“ - der Franzose betont seine Worte eben auf der letzten Silbe.

Von hier aus ins wilhelminische Viertel. Das ist nun eine Neustadt, die „deutsche Stadt“, unter Kaiser Wilhelm errichtet, von der Bevölkerung in ihrem städtebaulichen Wert erkannt und von der Führerin ausführlich dargestellt. Als Beispiel möchte ich den Bahnhof anführen, der zum Weltkulturerbe gehört. Ihn ließ Wilhelm II 1905-1908 zu militärischen Zwecken so gigantisch anlegen – dies wurde von der Führerin verschwiegen, denn das politische Thema des jahrtausendlangen umkämpften Gebietes und der wechselnden Nationalität und damit Umgestaltung der Stadt behandelt man diskret, so wie man das z.B. auch in Heidelberg tut - , schuf aber auch ein architektonisches Kunstwerk, ja er schaltete sich in die Gestaltung, z.B. des Turmes, persönlich ein, er ließ hinter dem rechten hervorstechenden Teil der Fassade kaiserliche Privaträume einrichten. Als Motivik gab er Hinweise auf die Epoche Karls des Großen vor. Ein Beispiel von Diskretion und Takt in der Behandlung der anderen Nation ist die rechte Figur der beiden überdimensionalen Skulpturen neben dem Hauptportal. Wilhelm ließ einen Roland als wehrhafte Gestalt darstellen, da Roland als Knappe letztlich immer Karl unterworfen und dieser Kaiser der Franken, also der Franzosen und der Deutschen war. Mit dem Rolandslied als französischem Nationalepos ist Roland auch einer der französischen Nationalhelden. Das Gesicht allerdings und das Wappen auf dem Schild wurden später mehrmals gewechselt, je nach politischer Lage. Heute sieht die Figur eher aus wie ein grimmiger germanischer Krieger.
Weiteres Bonmot der Führerin zur Fassadengestaltung: „hier sehen Sie ein Spinnenrad“.

Bedauerlicherweise hielt der Bus nur kurz unterhalb des Klosters St-Pierre aux Nonnains – ein Besuch war nicht innerhalb der zweistündigen Rundfahrt unterzubringen. Dabei handelt es sich hier um die älteste erhaltene Kirche Frankreichs, aus dem 4. Jahrhundert, umgestaltet nach der Christianisierung aus der Palaestra, der Sporthalle der zugehörigen Thermen, anschließend in ein Benediktinerinnenkloster Sankt Peter eingebunden. Berühmt war die Chorschranke; sie ist noch zu sehen.

Die verbliebene Zeit wurde investiert – gut investiert - in einen Abstecher, den wir zu Fuß unternahmen, zum Kulturzentrum, das ehemals Arsenal, also Waffenlager war. Da gab es aah und ooh, als man in diesem riesigen Gebäude den Konzertsaal erblickte, einen Raum, der sich beim Eintreten unter einem schwindelerregend in die Tiefe senkt, aber nach hinten in den Sitzreihen steil ansteigt. Seine Akustik wird als phantastisch bezeichnet. Ricardo Bofill, der Architekt der Kathedrale von Barcelona, hat ihn geschaffen. Mstivlav Rostropovitch hat ihn 1989 eingeweiht.


Die Führungen

Die Qualität der Führungen war einer der Vorzüge der gesamten Reise. Sie wurde von Metz über Reims und Nancy nach Sarrebourg immer besser, authentisch, von Mal zu Mal souveräner und gelassener, immer individuell gestaltend, immer spontan, immer flexibel reagierend.

Man erwartet Kompetenz. Das war der Fall. Der Besucher fühlt sich wohl, wenn er das Gefühl hat, sein Führer kann immer weiter schöpfen und erzählen und umfassend Antwort geben. Aber besonderen Wert erhält eine Führung erst, wenn man als Besucher registriert, daß der Führer sein Objekt liebt und sich traut, das in persönlicher Weise mitzuteilen. Das bedeutet vor allem, dass der Führer sich emotional auf die Ebene des Besuchers begibt, sich an der Entstehung von dessen Gefühlen beteiligt, ihn dort abholt, wo er sich mental zu Beginn der Führung befindet. In Nancy war das auch buchstäblich der Fall. Die Führerinnen holten uns am Bus ab, um uns weiteres Umherfahren zu erparen.
So bleibt das Tun nicht unpersönlich, der Führer ist kein sprechendes Buch. In Metz wurde die Führerin beim Abschied nach unserem Dank ganz gerührt. In Nancy trug sie uns auf, den geschätzten Kollegen in Sarrebourg von ihr zu grüßen und machte uns auf dessen Qualitäten gespannt. Hier haben wir im Tourismus-Bereich in den letzten Jahren wahrlich einen Fortschritt. Er entspricht dem wachsenden Interesse an den Kulturgütern.
Ein Idealfall war es in Frankreich, Personen als Führer zu haben, die sowohl lange mit Stadt und Kulturgütern vertraut und dort wohnhaft waren, als auch deutsch als Muttersprache hatten. Reims und Nancy wurden uns allerdings so auch deutsch gefiltert dargeboten, während wir in Metz die französische Optik hatten.


Abbaye des Prémontrés – Die Prämonstratenserabtei in Pont-à-Mousson

Das Quartier. Alles hervorragend organisiert. Das Personal zuvorkommend.
Wir hatten zur Kenntnis zu nehmen und zu begreifen: wir befinden uns eigentlich an geistlichem Ort, in der Realität aber nur auf ehemals geistlichem Boden, an weltlichem Ort also tatsächlich. Es fiel schwer, das zu akzeptieren, denn das Äußere sprach dagegen. Man weilte in gut erhaltenen und gepflegten Klostergebäuden. Einen deutlichen Hinweis hatten wir im Personal. Früher war es rein männlich und gemischten, wohl überwiegend höheren Alters, heute ist es rein weiblich und jungen Alters.

Nun, Pater Schafbuch und die gesamte Gruppe schufen Spiritualität mühelos in der abendlichen Heiligen Messe, die in einem der schönen Klostersäle stattfand. Die Kirche war dazu ungeeignet, auch unzugänglich und penetrant profan gestaltet, da man den Raum für eine Hochzeitsgesellschaft hergerichtet und jeglichen geistlichen Dekor mit Segeltuch verhüllt und die Höhe des Raumes dadurch verkürzt hatte.
Am nächsten Abend war man dann vollends dem Kontrast unterworfen, wenn man als Hochzeitsgästen auffällig gewandeten und gestylten Personen begegnete, wie wenn sie direkt aus einem Club hierher gekommen wären. Man muß sich das vorstellen. Das Klack Klack hoher Absätze unter den Füßen extrem geschminkter Personen im Kreuzgang und direkt daneben eine Aufschrift zum Eingang des Saales, den sie „Salle de l’antique Rigueur“ benennen, also „Saal der alten Strenge“. Das ist die historische Bezeichnung für die Wiedereinführung der strengen Sittenregeln für die Mönche um 1600.
Man bleibe realistisch. Hier ist das Beste draus gemacht worden. Das Kloster existiert nicht mehr. Das laizistische Frankreich hat aber das Kulturgut bewahrt, hält es in gutem Zustand und sorgt dafür, dass ein finanziell guter Rahmen für seine Pflege gegeben ist. Es gibt auch eine informative Abteilung über den Prämonstratenserorden. An diesen Klostergebäuden kann man geistige Bedeutung, sowie Pracht- und Machtentfaltung der Kirche im 18.Jahrhundert erkennen.


4. Oktober
Reims

Kathedrale und Saint Rémi

„In jenen kleinen Städten kannst du sehn,
wie sehr entwachsen ihrem Umgangskreis
die Kathedralen waren. Ihr Erstehn
ging über alles fort, so wie den Blick
des eignen Lebens viel zu große Nähe
fortwährend übersteigt, und als geschähe
nichts anderes, als wäre das Geschick,
was sich in ihnen aufhäuft ohne Maßen,
versteinert und zum Dauernden bestimmt.
Da war Geburt in diesen Unterlagen,
und Kraft und Andrang war in diesem Ragen
und Liebe überall wie Wein und Brot.“

- aus „Die Kathedrale“ von Rainer Maria Rilke

Die Kathedralen waren die Weltwunder des Mittelalters. Rilke denkt in seinen Versen an Chartres, an die himmelhoch aufragende steinerne Masse außen und an die mystische Stimmung innen. Beim Stichwort Kathedralen in Frankreich denkt man auch an die gewaltige und majestätische Pariser Notre Dame. Und man denkt natürlich an Reims.
Das etwas jüngere Reims steht für die Luftigkeit und Eleganz der Erscheinung, also für das Äußere, die vollkommenen Proportionen. Das Bauwerk sieht aus wie ein großes Kleinod. Und dann steht Reims noch für die berühmtesten unter allen gotischen Portalskulpturen. Der lächelnde Engel ist die Symbolgestalt; er grüßt einen schon auf der Autobahn.

Der Engel, der lächelt, Symbolgestalt der Kathedrale von Reims, steht im linken der drei Westportale. Aber wir konnten ihn nicht sehen. Linkes und mittleres Westportal, ein großer Teil der Fassade, sind verhüllt, und damit verlor das Bauwerk seine Eleganz. Was aber die Trauer vergrößerte, war der erschreckende Zustand des Steins, wenn man sich den offen liegenden Skulpturen näherte, denn da war alles verwittert. Kann man das überhaupt restaurieren? Noch trauriger stimmte die Montage im Innern der Kathedrale, wo der Engel vom Foto lächelte, wo man die enormen Anstrengungen der Restaurierung an Modellen vorgeführt bekam und die Kosten erfuhr. Am traurigsten stimmten die eigenen Schlussfolgerungen, dass das niemand bezahlen kann und dass die Kathedrale noch lange verhüllt sein wird.
Die Traurigkeit nahm ich leider mit beim Gang durch das Innere der Kathedrale. Sie löste sich erst an der Stelle, wo man mit Chagalls Fenster im Rücken nach der meditativ-einladenden Erläuterung des Führers zurückblicken konnte in das überlange, schlank in einen fernen spirituellen Raum aufragende Hauptschiff auf die Westfenster einschließlich Fensterrose.

An dieser Stelle möchte ich, auch um mit den Anstrengungen der Franzosen um ihre Kathedralen zu versöhnen, hinweisen auf die etwas abseits des Touristenstroms liegende Kathedrale von Amiens, die die größte und reichste des Landes und ebenso schön wie die schönsten, gut erhalten und das Vorbild des Kölner Doms ist. Hier ist ein allabendliches kostenloses Spektakel installiert, eine Licht-Ton-Schau, bei der bei Einbruch der Dunkelheit die Fassade 45 Min. lang mit Laserlicht in allen Einzelheiten farbig illuminiert und erläutert wird, so wie es den Forschungen nach im Original bei der Erbauung ausgesehen hat. Ja, Kirchen und Kathedralen waren ursprünglich bemalt! Da steht dann ein himmlisches Jerusalem vor einem im Nachthimmel.

Ich sprach kurz die Weise der gotischen Bautechnik an, das ganze Gewicht des Gewölbes über die Pfeiler abzuleiten. Die mussten dann natürlich von außen gestützt werden. Das geschah durch ein System von Strebepfeilern und Strebebögen, die einen Kranz um drei Seiten des Gebäudes herum bilden. Da unser Bus hinter der Kathedrale wartete, konnten wir im Vorbeigehen nicht nur das grandiose Nordportal bewundern, sondern auch das „steinerne Gerüst“ der gotischen Architektur auf uns wirken lassen. Obwohl das Pfeilerwerk nur einen statischen Zweck erfüllt, bildet es mit dem Kirchenschiff eine so harmonische Einheit, dass man sich der schönen Gesamtwirkung nicht entziehen und sie sich nicht ohne ihren umrahmenden Kranz vorstellen kann, zumal dieser mit reichem Zierwerk von seiner eigentlichen Funktion ablenkt. In Reims steht auf jedem einzelnen Strebepfeiler ein Engel!

Im Sturm, der um die starke Kathedrale
wie ein Verneiner stürzt der denkt und denkt,
fühlt man sich zärtlicher mit einem Male
von deinem Lächeln zu dir hingelenkt,
lächelnder Engel, fühlende Figur;
mit einem Mund, gemacht aus hundert Munden,
gewahrst du gar nicht, wie dir unsre Stunden
abgleiten von der vollen Sonnenuhr,
auf der des Tages ganze Zahl zugleich,
gleich wirklich, steht in tiefem Gleichgewichte,
als wären alle Stunden reif und reich.
Was weißt du, Steinerner, von unserm Sein?
Und hältst du mit noch seligerm Gesichte
vielleicht die Tafel in die Nacht hinein?

- "L’Ange du Méridien - Chartres" von Rainer Maria Rilke

Wir konnten noch die Basilika St-Rémi sehen. Hier steht das imposante Grabmal des Hl.Rémi, lateinisch Remigius, des Apostels der Franken, der den König Chlodwig zum Christentum bekehrte kurz vor 400. Von manchen habe ich schon gehört, die Kirche St-Rémi sei genauso bedeutend und schön wie die Kathedrale. Sie hat uns auch sehr beeindruckt.
So viel gewaltiges Ausmaß in kurzer Zeit am selben Ort zu sehen ist nicht einfach zu verarbeiten. Was steckt da nicht alles dahinter!


Champagne Mumm

Eine der modernen Zivilisationskrankheiten ist das Schulter-Oberarmsyndrom, was mit beruflicher Tätigkeit zu tun haben könnte, wenn man den ganzen Tag lang mit ausgestrecktem Arm die Maus herumführt. Wie muss es da einmal jenen Menschen ergehen, deren Beruf Rüttler ist?
Jede einzelne Flasche muss nämlich am Ende der mehrjährigen Flaschengärung, wenn man sie mit dem Hals nach unten schräg in ein Regal gesteckt hat, etwa drei Monate lang mehrmals am Tage je viermal eine Vierteldrehung um ihre Achse erfahren, damit der Hefepropfen in den Hals wandert, und das muss von Hand geschehen. Mumm hat dafür allein 14 Rüttler angestellt. Dies und andere Details erfuhren wir in den Kellerräumen über die aufwendige Herstellung von Champagner, von der sehr sorgfältigen Behandlung der Weinstöcke bis zur Herstellung der Cuvée im Keller mit anschließender Beobachtung und Handarbeit siehe oben.

Nun gut. Es war interessant, die junge Dame gab sich Mühe in einem respektablen Deutsch, aber das Prickeln im Bauch stellte sich nicht ein, unsere Ehrfurcht vor dem Namen und dem Produkt wurde nicht eingelöst. Das ist eben so, wenn alles wie am Fließband abläuft bei der täglichen Kundschaft, die in die Hunderte geht.
Das Prickeln kam dann doch noch, als man uns das Getränk eingoss – elegant mit Daumen oben und Handfläche unten – und wir es uns einflößten, gespannt, bedächtig und eben ehrfürchtig. Wir bekamen mehr als ich erhoffte. Und es schmeckte besser als erwartet, vor allem der Jahrgangschampagner. Ich glaube, da war niemand enttäuscht, auch bei hohen Erwartungen.
Die Enttäuschung ließ aber nicht lange auf sich warten. Sie kam in Gestalt des Preises. Mumm hat an diesem Tage mit uns kein großes Geschäft gemacht. Im Supermarkt im Elsaß, wie ich wenig später feststellte, kostet die gleiche Flasche 2 € weniger. Aber natürlich schmeckt ihr Inhalt besser, wenn man sie nach dem unmittelbaren Erlebnis an Ort und Stelle mitgenommen hat.


Eindrücke vom Abend des zweiten Tages

Das Thema Deutschland-Frankreich hat uns auch am zweiten Tag nicht losgelassen. Links an der Autobahn, in Höhe von Ste.Ménehould, kündet die Mühle von Valmy von der durch ihren Kanoneneinsatz epochemachenden Schlacht von Valmy – wie der teilnehmende Goethe es bezeichnete – zwischen dem französischen Revolutionsheer und den alliierten deutschen Truppen.
Verdun war nicht weit. 300 000 Tote im 1.Weltkrieg. Ohne konkreten militärischen Nutzen. Am gerade vergangenen 11.November wurde zu Recht daran erinnert. In Frankreich steht die Zahl der Namen von Gefallenen auf den Kriegerdenkmälern des ersten und des zweiten Weltkrieges im Verhältnis 4:1.
Später, entlang der Nationalstraße, Soldatenfriedhöfe. Im Bus konnte man in Gesprächen sich darüber austauschen und miterleben, wie stark manche von der Sinnlosigkeit des Tötens durch Angehörige betroffen und immer noch geprägt waren.

Das Essen in der Abtei war sehr gut und es war lothringisch getönt, wie auf der Speisekarte
versprochen, z.B. die vorzüglich lockere Quiche und der leckere Mirabellenkuchen. Der lothringische Rotwein, nach Belieben vorhanden, passte dazu. Am zweiten Abend war der Catering-Service allerdings bei der richtigen Temperatur des Essens ein wenig überfordert wegen der Menge der zu liefernden Speisen, denn es war ja, wie gesagt, gleichzeitig Hochzeit.
Die Bedienung war vorzüglich. Der klösterliche Raum war eine Augenweide. Das Frühstück wurde, reichhaltig und vielfältig, in diesem herrlichen Kapitelsaal fast zelebriert. Man könnte auch die Stille, den noblen Umgang in der Gruppe erwähnen. Hat das Flair des Ortes abgefärbt?

Am Abend konnte ich mich bei lockeren Gesprächen von der Qualität des Klosterbieres überzeugen. Die Prämonstratenser gehören auch zu den Bierbrauermönchen. (Das Bier gibt es sogar noch, wenn die Mönche weg sind!) Und sie sind erfolgreich. Die Biere der belgischen Abteien Leffe und Grimbergen, deren geistliche Bestimmung lebendig ist, hatte ich am selben Tag mittags auf der Getränkekarte in Reims gesehen. Das Wohlfühlen in diesen Mauern war ebenfalls ein Höhepunkt der Reise.


5. Oktober
Nancy

Nancy ist eine weiße Stadt. Besonders auffällig ist das an ihrem schönsten Ort, der Place Stanislas. Hier wird wiederum, wie in Metz und Reims, eine ganze Stadt optisch von ihrem Stein geprägt. Es gibt Städte aus Ziegelstein, wie Lille oder Toulouse, Städte aus rotem Sandstein, wie Straßburg zum Teil, und es gibt sogar schwarze Städte wie Clermont-Ferrand, weil sie mitsamt der Kathedrale aus Vulkanstein vom nahen Puy de Dôme errichtet ist. Die französischen Städte sind im zweiten Weltkrieg nicht durch Bomben zerstört worden. Das ist der Unterschied.
Auf der Place Stanislas wurden wir zwar gestört durch den Zieleinlauf des Halbmarathonlau-fes, der mit dem üblichen Drum und Dran, also Lautsprecher und Musikkapellen, aufwartete, so dass die Erläuterungen der Führerin zu diesem Herz- und Prunkstück Nancys nicht stattfanden. Aber, wie es die Statue des Stanislas in der Mitte des kreisrunden Platzes, die eine dankbare Bevölkerung ein Jahrhundert später für ihren guten Herrscher und seine Wohltaten errichtet hat, suggeriert, sollte eine Bevölkerung froh sein, dass der Platz, der ja für sie da ist als Mittelpunkt ihrer Stadt, so mit Leben erfüllt wird. Was gibt es Schöneres für einen Läufer als am Ende seiner Anstrengung über einen weltberühmten Platz durch einen Triumphbogen ins Ziel einzulaufen?
Die Place Stanislas selbst zu beschreiben überlasse ich den Dichtern. Der Platz ist von vollendeter Harmonie, er spricht durch seine Architektur und seine Skulpturen allegorisch zum Betrachter und erinnert in manchem an Carl Theodor und sein Mannheim oder Schwetzingen oder auch an die Statue, die diesem Herrscher die dankbare Bevölkerung an der Alten Brücke in Heidelberg ein Jahrhundert später gestiftet hat. Und es ist gewiss nicht ohne Bedeutung, dass Carl Theodor nach Stanislas’ Tod viele seiner Skulpturen aus dem Park seiner Residenz im nahe gelegenen Lunéville erworben und sie dann im Schwetzinger Garten zum Teil symbolträchtig platziert hat, wie den Sänger Arion auf dem Delphin unter der zentralen Fontäne. Deren Schöpfer Barthélémy Guibal hat auch die Skulpturengruppen der Place Stanislas geschaffen. Die Place Stanislas suggeriert eines am meisten: Schönheit in der Ordnung unter dem Schutz eines Guten und Mächtigen.

Zur Geschichte von Nancy: Die Führung bezog sich als Schwerpunkt auf zwei Epochen, die das Stadtbild am meisten geprägt haben. Stanislas, der in Polen von Zar Peter verjagte König, wurde 1737 von seinem Schwiegersohn, dem Französischen König Ludwig XV, mit dem Herzogtum Lothringen abgefunden. Dieser hatte es vorher im Tausch gegen die Toskana vom Haus Habsburg übernommen. Lothringen hatte also davor zum Kaiserreich gehört.
Stanislas ließ während seines segensreichen Regiments in Nancy um die Mitte des 18. Jahrhunderts die zentralen Plätze anlegen – jetzt Kulturerbe der Unesco -, die so die Verbindung zwischen mittelalterlicher und neuzeitlicher, quadratisch angelegter Stadt bildeten.
Letztere stammt aus dem 16.Jahrhundert, einer weiteren Epoche, in der es der Stadt gut geht. Begonnen hat die Blütezeit durch die Herrschaft von René II. Ein 22jähriger junger Mann, aus dem Königreich Anjou stammend, übernimmt 1473 das Herzogtum Lothringen. Es liegt unglücklicherweise zwischen den reichen Ländern, die zum damals in Europa mächtigsten Haus Burgund gehören, es grenzt also nördlich an Flandern. Dem Herzog Karl dem Kühnen (Charles le Téméraire: besser übersetzt mit „dem Leichtsinnigen“) von Burgund erscheint die Situation ein gefundenes Fressen. Er greift René – wie schon vorher die Schweizer beim Debakel der Schlacht von Murten – viel zu unbesonnen an und wird von ihm 1477 in der Schlacht von Nancy besiegt. Ja, er wird sogar verwundet und stirbt. Renés Nachfolger auf dem Thron bauen die hervorragende Stellung Lothringens aus und erweitern Nancy im Süden in der Ebene durch die Neustadt.

Unsere Führung am Vormittag hatte ihre Höhepunkte mit dem Erlebnis einer auch sonntags lebendigen mittelalterlichen Innenstadt auf dem belebten Platz vor der Kirche St.Epvre, bei dem bunten Markttreiben am herzoglichen Palast, mit dem von Joggern und Spaziergängern bevölkerten Park und, wie gesagt, beim von Läufern und ihrem Anhang umgebenen Stanislas.

Mit einem dritten Höhepunkt in der Geschichte Nancys machten wir am Nachmittag Bekanntschaft. Nach 1871, als die Deutschen das nördliche Lothringen übernehmen und dafür sorgen, dass Metz deutsch wird, entschließen sich die meisten Bürger aus der Elite von Metz dazu wegzuziehen. So ist es immer gewesen: die einen verjagen eine Menge tüchtiger Menschen, die anderen profitieren von ihnen. So Preußen von den Hugenotten nach ihrer Vertreibung durch Ludwig XIV aus Frankreich. Und so profitiert auch das südliche Lothringen von den Bürgern von Metz. Es ergab sich wirtschaftliche und kulturelle Blüte, auch die Blüte des Art Nouveau.
Die Jugendstil-Häuser, die wir sahen, waren die eigentliche Überraschung in Nancy. Wieder etwas außerordentlich Harmonisches und etwas lebendig Wirkendes durch neue Schwünge und Proportionen in der Architektur und die Natur-Motivik im Dekor. Da mir dieser Stil völlig fremd gewesen war, konnte ich mich nie des Gefühls erwehren, ich würde gerne einmal drei Tage lang in einem dieser Häuser wohnen.
Wiederum wäre dem Leser hier am meisten gedient mit der Betrachtung der Bilder-Chronik von Volker Barth.


Das Fenster

Ein nie erhoffter Abschluß stellte sich ein mit der intensiven Betrachtung des Glasfensters in der Chapelle des Cordeliers in Sarrebourg. Das lag zum einen an der kompetenten und sach-lichen, doch suggestiv vorgetragenen Rede des Führers, Herrn Ulm, zum anderen aber besonders an der mystischen Ausstrahlung des Werks von Chagall.
Man möge selbst entscheiden, ob die zur Verfügung stehenden Fotografien geeignet sind, das Erlebnis nachzuvollziehen. Bei mir selbst ergab sich kurz darauf im Bus schon die Idee: Chagalls größtes Glasfenster, La Paix – Der Frieden, sollte zum Schlußbild des Theaterstücks „Der Frieden“ von Aristophanes werden, das ich mit meiner TheaterAG 10 Tage später aufführte.

Die Werke Chagalls brauchen Zeit für die Betrachtung, damit sich ihre Symbolik eröffnet. Diese Zeit hatten wir. Wenn dann ein Thema so geschlossen vor einen tritt, wenn zahllose Beispiele aus der Bibel wieder und wieder ihren Beitrag zur Reflexion beitragen, wenn das Thema also im Ansatz religiös und existentiell wichtig ist, wenn die Bildlichkeit durch die Materie Glas besonders leuchten kann und dieses Leuchten durch Aufbau und Wahl der Farben konzentriert wird, dann ist es zu begreifen: Kunst ist etwas Großes und erfaßt den Menschen innerlich.


Dank an den Organisator für die wunderschöne Reise.

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Freundeskreis Berichte Veranstaltungen Lothringen - Okt 08