Privates Gymnasium St. Paulusheim, Bruchsal
 
Privates Gymnasium St. Paulusheim, Bruchsal

Romreise - Oktober 2007

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Samstag, 29. September


Nach Abstellen der Koffer im Hotel auf dem Gianicolo und einem Frühstück geht es gleich los mit dem Bus - es ist etwa 11.30 Uhr. Ja, schon der Anreisetag ist ein voller Erlebnistag - am Vatican runter, dann den Tiber rechts entlang mit Stadterklärung: ein wahrhaft geeigneter Einstieg, um Rom mit dem Bild von Rom zu identifizieren, das man in sich trägt.
Den Bus haben wir heute noch den ganzen Tag für uns. Wir staunen, wie gut er vorankommt; es gibt nur wenig Verkehr – es ist Samstag. Unsere erfahrene Führerin für vier Tage, Frau Balzarini, ist schon bei uns. Sie erklärt viel und ist ganz auf unserer Höhe und Wellenlinie.

Katakomben der Flavia Domitilla
Außerhalb der Stadtmauer, etwa 2 km auf der Straße nach Ostia, liegen die Katakomben der Flavia Domitilla. Es musste verhandelt werden, denn eigentlich ist um 12 Uhr zu – wir kamen um 12 Uhr an, weil wir improvisiert hatten (Balzarini:“Improvisieren ist in Rom immer angesagt“). Ein junger Deutscher namens Christian führt uns, anstelle seiner Mittagspause – er ist erst seit einem Monat da und macht das als Job und macht es gut, hat viel Humor: „in einen engen Raum passen 50 Japaner, oder 20 Amerikaner, oder wie viele Deutsche?“ Imponierend: 150 000 christliche Gräber – und es gibt noch eine Reihe anderer Katakomben! Wandmalereien sind noch erhalten. Erkenntnis: es waren keine geheimen Versammlungsorte. Gestank! Trotz Abdeckung der Gräber mit vertikalen Grabplatten! Aber Luftzirkulation durch Lüftungsschächte war vorhanden. Die Leichname wurden alle gestohlen, obwohl Christen nichts ins Jenseits mitnahmen. Die Kirche versank im Erdreich, weil dieses außerhalb der Kirche aufgehäuft wurde.
Beim Herauskommen aus den Katakomben fliegt ein Hubschrauber über uns: die Einheimischen sagen, das sei der Papst, der aus Castelgandolfo einfliegt – heute ist im Vatikan eine geistliche Veranstaltung, weshalb die Peterskirche am Vormittag nicht besichtigt werden konnte: das war der Grund, weshalb wir umdisponieren mußten.

San Paolo fuori le mura
Beeindruckende riesige Außenanlage: eine gute Einstimmung auf das Folgende.
Innen gab’s dann zum ersten Mal Kopfhörer/ Ohrstöpsel. Was für ein riesiger und harmonischer Raum! Man ist tief beeindruckt von der Raumwirkung. Die Gemälde aller Päpste fallen sofort ins Auge; die Ahnung kommt auf, daß das hier die bewußte Bildergalerie ist, die dann den Weltuntergang bedeutet, wenn kein Platz mehr da ist für den folgenden Papst. Umhergehen in dem riesigen freien Raum ist erhebend: ein Gefühl von Schweben. Die Erläuterungen von Balzarini sind gut, gelassen, gemessen, angemessen, gerade die richtige Mitte zwischen sachlicher Präzision und Distanz auf der einen und künstlerisch-religiösem Enthousiasmus auf der anderen Seite. Wichtig immer wieder: das ist eine Rekonstruktion nach Brand 1823 ! Und trotzdem, was für ein Eindruck! Menschenskinder, was für ein Verlust! Hier stand ein riesiger Bau aus dem 4.Jahrhundert wie die Basilica Ulpia auf dem Trajansforum, so groß wie der Petersdom. Erhalten sind die schönen Mosaiken über dem Altar und in der Apsis.
Blick und Aufmerksamkeit erheischen immer wieder zwei riesige Skulpturen, die von St.Peter und St.Paul links und rechts vor dem Eintritt zum Altarbereich, mit expressiv lebendigem Ausdruck und besonders schönem Blickwinkel von Paulus aufwärts nach oben, wo rechts direkt daneben das Bildnis von Benedikt XVI leuchtet. Das Paulus-Grab ist hier. Donnerwetter! Es ist echt. Es wurde nachgewiesen, daß der Altar direkt darüber steht.

Pallottinerhaus
Fahrt zurück links des Tibers bis zum Pallottinerhaus. Besuch in der Kirche mit Erläuterung durch einen 80-jährigen deutschen Pater: ein Genuß, aber fast alle kämpfen mit dem Schlaf – Balzarini macht am nächsten Tag eine spitze Bemerkung dazu. Mein Kopf hat auch eine starke Tendenz nach unten zu fallen; aber das ist kein Wunder, wenn man um 2 Uhr in der Frühe aufgestanden ist.
Während des gesamten Vortrages hängt der Blick an der eigenartigen Mumie unter dem Altar. Es ist Vinzenz Palotti. Abends bei Tisch im Gespräch wird klargestellt, daß das tatsächlich eine Mumie ist. Und in vielen anderen Kirchen, wie z.B. Johannes XXIII in St.Peter, gibt es diese Mumien von großen Gestalten der Kirchengeschich-te: erstaunlich, etwas irritierend. Auf der Terrasse des 8. Stockwerks haben wir eine Aussicht auf Rom. Ein kalter Wind weht. Es ist heute noch nicht so warm wie an den späteren Tagen, aber der Wetterumschwung beginnt.

Petersdom
Weiterfahrt zum Parkhaus für Busse im Felsen neben dem Vatikan zum Gianicolo hin. Ein Parkhaus für Busse! Im Vatikan ist alles 2 Nummern größer. Wir mieten privat Hörgeräte für die Führung im Petersdom an der gegenüberliegenden Ecke (Respekt der Organisation!), dann heißt es Schlange stehen! Eine riesige Schlange, aber sie bewegt sich rasch. Man zahlt keinen Eintritt, man stand Schlange für die Gepäck- und Personenkontrolle. Und die Kleidung muß stimmen! So hat man Zeit zum Bewundern des Platzes. Wie gerne wartet man! Außerdem hat man ja noch die Erläuterungen zu allem im Ohr. Die Erläuterungen Balzarinis in der Vorhalle des Doms mit dem heiligem Portal werden nun feierlicher, danach fast schon ehrfurchtsvoll.
Innen ist der Dom so groß, daß man trotz der Masse Menschen Platz hat, sich um die Führerin zu gruppieren. Die Ausmaße des Raumes, die Kuppel: man könne die Höhe nur ermessen, wenn man von oben herabblickt!
Gleich rechts die Pietà von Michelangelo: bildschön, eine (zu?) jugendliche Mutter, hinter einer Glasscheibe nach Beschädigung 1972. Die Petrusstatue aus Bronze wird von den Pilgern am Fuß berührt: er ist abgewetzt. Das Petrusgrab sehen wir nicht. Alles ist so neu und riesig und von Tausenden von Menschen bestaunt. Die Aufnahmekapazität ist zu beschränkt wegen der Müdigkeit.

Unser Hotel bietet einen schönen Blick hinaus zur Stadtmauer mit Palmen und Pinien und Türmchen dahinter. Ein schönes Zimmer, recht groß, mit sehr großem Bad, versöhnt mit dem doch permanent präsenten Straßenverkehr. Das Abendessen? Die „Werschtli“ wurden sprichwörtlich in der Gruppe.


Sonntag, 30. September

Zweitausend Jahre zurück: das antike Rom erleben! in die Antike eintauchen! Dies wurde der Tag, an dem am meisten ins Bewußtsein kam, wie an ein und demselben Ort in Rom die Jahrhunderte übersprungen werden und in verschiedenen Etappen und Verwandlungen gleich-zeitig präsent sind.
Es gab die erste Linienbusfahrt mit der ganzen Gruppe; das heißt 50 Leute, alle in einem Bus. Sonntag Morgen war das noch möglich. Der ganze Tag wird ohne Kopfhörer bewältigt.
Die Antike begrüßt uns am Circus Maximus und den Palatin-Ruinen. Wir steigen am Kon-stantinbogen aus. Im direkten Blickkontakt steht das Gefühl der Schönheit der Antike da.
Gegenüber das Kolosseum. Wir warten auf Frau Balzarini. Aber man kann umhergehen. Warten an den schönsten Stellen ist nicht schlimm, im Gegenteil! Die Vorfreude ist riesig, es ist ein beglückender Moment.

Frau Balzarini
Sie ist kompetent in antiken Dingen, sie weiß alles über den Betrieb im Kolosseum. Beim Thema Sklaven sollte man allerdings auch etwas auf die Hunderttausende von Arbeitssklaven eingehen, die solche Dinge wie das Kolosseum geleistet haben und die Wirtschaftskraft Roms ausmachten. Großes Interesse allerseits erzeugt die Überdachungs-möglichkeit des Kolosseums. Wir umrunden es halb. Dann tritt eine in der Länge nicht vor-gesehene Pause von 45 Minuten ein. Es ist ja so, daß bei den nun immer mehr ansteigenden Temperaturen in praller, stechender Sonne die Wasseraufnahme während stundenlanger pausenloser Führung ein Problem werden kann, daß die Wasserabgabe aber wohl bei der Größe unserer Gruppe ein nicht zu lösendes Problem für den Zeitplan darstellen kann – und das trotz wohl überlegter Planung durch die Führerin. Jedenfalls stellte sich hier der erste Eindruck von der heftig stechenden Sonne ein. Man müßte eine Mütze haben!
Die Bermerkung über den Konstantinbogen, daß die Reliefs geklaut sind, enttäuscht dann doch. Bewunderung für seine Ästhetik bleibt. Nur die Plastiksäulen von Valentino gegenüber sind furchtbar! Lust auf Erkundung des Palatinhügels kommt auf. Aber wir gehen an ihm vorbei auf der Via sacra zum Titusbogen empor.

Titusbogen, Tempel des Antoninus Pius, Kurie
Frau Balzarini erzählt nun über die Antike wie aus einer Fundgrube schöpfend. Sie hat gewiß Lateinkenntnisse. Hunderte von Menschen sind um uns herum. Sie stören nicht. Nach einem Abstecher zur Maxentius-Basilika bietet sich ein schöner Blick auf das zentrale Forum unter dem Palatin. Dessen Höhe ist beeindruckend. Dies wird ein zauberhafter Moment, ein langer historischer Blick von der Gegenwart in das Jahr 753 v.Chr. zurück, zur Stadtgründung also. Wir erfahren z.B. die etymologische Herkunft des Wortes ‚forum’ von altlateinisch ‚foras = außerhalb’. Denn die einzelnen Stämme der Urbevölkerung lebten jeweils nur auf den verschiedenen Hügeln, so daß die dazwischen und tief liegende Fläche ihnen zur Begegnungs- und Handelsstätte untereinander wurde. Erst später nahmen sie das Forum gemeinsam in Besitz und legten es trocken. Das Land am anderen Ufer des Tiber war Ausland: es war von den Etruskern bewohnt.
Sechs Meter über dem antiken Tempeleingang, der selbst über eine Treppe erreichbar war, liegt der Eingang zu einer späteren Kirche: so hoch war also, als man diese baute, das Niveau des Erdreiches vor den Ausgrabungen, da das Forum durch die Zerstörungen zugeschüttet worden war.
Der Vestatempel hatte die größte Bedeutung als ethische Grundlage des Römertums. Die Erläuterungen zu rostra und Triumphbogen fallen knapper aus, aber man muß Schwerpunkte setzen, jedoch hebt Frau Balzarini die Bedeutung der Stelle hervor, wo die Entschei-dungen fielen, die die Welt bewegten.
Die Kurie sieht innen unscheinbar aus. Aber das ist bei antiken Innenräumen immer so – siehe Konstantinsbasilika in Trier, denn sie können niemals so erhalten sein, wie sie die antiken Menschen vor sich sahen. Wir sind hier auf Rekonstruktionen oder die Vorstellung der Maler späterer Generationen angewiesen.
Die Größe des ganzen Forums, vor allem die Höhe der es einschließenden Hügel, sind weit-aus bedeutender als gedacht. Der Aufstieg zum Kapitol wird daher entsprechend langwierig. Die antiken Herrscher und Politiker haben das doch auch geschafft, als sie zur Krönung ihrer Zeremonien in vollem Ornat mit den Insignien da hoch mußten! Eine Ahnung von Größe kommt auf.

Kapitol
Es ist viel schöner als gedacht, ein einheitlicher Platz! Überraschung: er ist von Michelangelo. Antike und Renaissance verbinden sich. Weitere Überraschung: der Kapitolsplatz ist die niedrigste Stelle des ganzen Hügels, der auf beiden Seiten ansteigt. Er hat also einen Sattel. Hier sind nun alle reif für die Mittagspause. Man zerstreut sich. Auf der westlichen Seite des Kapitolshügels ganz oben gibt es eine tolle Aussicht auf Rom von der Terrasse aus. Darunter findet man Ruhe auf der tieferen Terrasse, die als schattiger Park angelegt ist. Der Nachmittag beginnt mit der Weiterfahrt am Marcellustheater mit Linienbus zum Lateran auf dem Caelius-Hügel.

Erste Erfahrung mit überfüllten Bussen. Wir füllen einen schon gut besetzten Bus komplett und stehen alle gedrängt. Trotzdem ist das interessant, Studien über die Menschen in Rom zu betreiben. Es gibt engen Kontakt mit den Einheimischen. Die heutigen Römer haben sich mit dem Tourismus arrangiert und tragen keine abweisenden Mienen, eher neugierige. Außerdem sind sie gar nicht hektisch, eher normal menschlich. Doch müssen sich Touristen natürlich einen Schutzpanzer zulegen in Form von höherer Lautstärke, da jene in der Überzahl sind!

San Giovanni in Laterano
Schade, daß wir nicht fitter sind, denn diese Kirche, die mater ecclesiarum, Mutter aller Kirchen, ist sehr schön. Sie ist die älteste Kirche der Welt: 311 n.Chr.! Wieder ein großer Raum. Hervorstechend die Größe und Expressivität der weißen Statuen an beiden Seiten des Langhauses, z.B. ein Moses mit „Hörnern“. Die Barock-Architektur hat den Raum, der eine Basilika war, verändert und die Seitenschiffe zurückgedrängt. Sie sind von Borromini und haben ein schönes Licht-Schatten-Spiel.
Borromini ist auch der Architekt der gesamten Umgestaltung der Basilika mit Betonung des Hauptschiffes. In der Vierung ist ein Altar, den nur der Papst benutzen darf. In der Apsis steht seine Kathedra, in die er sich bei seinem ersten Besuch gleich nach seiner Wahl setzt. Benedikts Zeremonie wurde im Fernsehen übertragen.
In einigem Abstand vor der Basilika steht eine Statue vom Hl.Franziskus von Assisi. Dazu gibt es eine amüsante Anekdote. Der Papst wollte den Orden nicht anerkennen, weil er Konkurrenz befürchtete, bis er einen Traum hatte, in dem er die Fassade der Kirche einstürzen sah, die aber von Franziskus gestützt wurde und nicht fiel, woraufhin der Papst ohne Umschweife Franziskus kommen ließ und ihn ohne schriftliches Dokument sofort zur Ordensgründung ermächtigte.

Die Heilige Treppe
Sie ist ein Mitbringsel von Helena aus Jerusalem. Hierauf ist Jesus zu Pontius Pilatus geschritten. Alte Wandmalereien im gesamten Treppenaufgang und oben heben diese Kost-barkeit noch hervor. Eine historische Vertikale: von uns direkt in die Zeit Christi. Es ist bewegend, wieviele Menschen hier betend auf den Knien nach oben rücken, und ernüchternd zu sehen, daß ihnen dann, wenn sie ankommen, der Blick auf das Heiligtum durch die anderen, die auf den Seiten hochgekommen waren, genommen wird.
Es ist erstaunlich, daß die Touristen sich nicht um eine Frau kümmern, die mit einem schweren Einkaufswagen nicht die Treppe hochkommt.

Die Taufkapelle St.Giovanni in Fonte
Sie wurde von Konstantin als Rundbau errichtet und später achteckig gestaltet. Wieder eine historische Vertikale par excellence. Eindrucksvoll ist die Vorstellung, wie damals viele Christen auf einmal in das große Becken hinabstiegen und darin untertauchten.
Wandmalereien haben Konstantin zum Thema, besonders die Schlacht an der milvischen Brücke. Fesselnd war dazu Balzarinis Bericht über die Schlacht, die Maxentius nie hätte verlieren dürfen, und den überraschenden Angriff Konstantins, nachdem er das Kreuz gesehen hatte („In hoc signo vinces“: ein Satz, mit dem man schon als Schüler vertraut war), was ihm die Idee mit dem Überraschungsangriff eingegeben hatte.

San Clemente
Die Müdigkeit stellt sich wieder ein. Es ist schwer, weiterhin im Stehen zuzuhören, zumal einem langen Vortrag im Innenhof/Kreuzgang, da man in der Kirche keine Erläuterungen geben soll: Es ist die erste frühchristliche Kirche, die wir besichtigen, mit titulus, d.h. fortlaufend zurückzuführen auf ein römisches Privathaus, in dem christlicher Kult vollzogen wurde, worüber dann im 4.Jh. eine Kirche errichtet wurde. Man weiß allerdings nicht, ob der heilige Clemens, der der dritte Papst war, auch jener Freigelassene war, dem das Haus gehörte. Er starb den Märtyrertod. Neben San Clemente war ein Heiligtum und Verehrungs-stätte des Mithras-Kultes. Die Konkurrenz der übermächtigen Mithrasreligion und des Christentums war für dieses eine Gefahr. Es gibt drei Niveaus, entsprechend dem Niveau des 1.- 4., des 11. und des 14.Jh.. Im Chor der Oberkirche erstrahlen herrliche Mosaike. Überhaupt, die Mosaike! Es gibt sie in jeder alten Kirche, sie sehen manchmal sogar aus wie Gemälde und sind sehr fein gearbeitet mit kleinsten Nuancen und Farbtönen. Wieder die historische Vertikale in Vollendung.

Sonntags verkehren die Busse anders. Man muß lernen, sich damit zurechtzufinden. Als schließlich einer hält, ist er natürlich schon ziemlich voll. Wir gehen alle hinein und sind gequetscht, stehen hinten im Bus. Ein Italiener sitzt sogar auf der hinteren Schräge vor dem Fenster. Die Fahrt wird abenteuerlich. Der Busfahrer fährt stets abrupt an und bremst wieder heftig. Absicht! An jeder Haltestelle die Gesichter der Leute, die nicht einsteigen können!
Am Schluß bei den Kurven in der Auffahrt nach Monteverde wird es abenteuerlich. Wenn sitzende Fahrgäste aussteigen wollen, ist es stets ein Problem für sie durchzukommen. Einmal steigen eine ältere Frau ein, die sich mit ihren Blicken permanent hostil zeigt, und eine andere ältere Dame, adrett und aufgeschlossen auf ihre Umgebung blickend, die eine dritte sehr alte Dame stützt und sie in den Bus hievt. Hier nun zeigt sich, daß die Businsassen doch noch schnell relativ viel Zwischenraum entwickeln können, um sie durchzulassen. Auch der Sitzplatz für die älteste der Damen ist schnell gefunden. Am Ende beim Aussteigen sagt die jüngere mehrmals „grazie, grazie“.
Zu Hause Dusche und Ausruhen. Man erholt sich schnell. Zum Abendessen gibt es versalzene Gemüsequiche mit den Werschtli vom Vorabend. Es gibt auch jeden Abend denselben, pardon, den gleichen Salat.


Montag, 1. Oktober

Ein spannender Tag wartet auf uns mit tollem Programm.
Es geht ungewohnt los, nämlich mit Treppenabstieg nach Trastevere und Fahrt mit der Tram nach „Argentina“. Dort angekommen, weist uns eine schwarze Nonne darauf hin, daß das die Endstation ist. In einem riesigen antiken Ruinenareal, tiefergelegen, halten sich Hunderte von Katzen auf, eine Art Tierasyl für Tiere ohne Wohnung.

Piazza Navona
Eigentlich ist man enttäuscht. An den Häusern ist nichts dran. Gemessen an seinem Ruhm hat der Platz hat nicht viel Atmosphäre. Die kommt wohl erst, wenn er belebt ist. Er war früher unter Domitian eine Rennbahn.
Wir erhalten von einem privat beauftragten jungen Mann Kopfhörer für den Tag. (Kompli-ment der Organisation!). Eine keifende Alte - sie erinnert an Commedia dell’Arte - macht eine Riesenszene auf dem Platz, läßt sich sich dort mit einem Stuhl nieder, posaunt ständig, daß der Platz ihr gehöre (sie wohnt da) und will alle verjagen. Uns rückt sie mit ihrem Stuhl immer hinterher. Balzarini ergreift die Flucht.
Kuriose Geschichte um Bernini und Borromini: Dieser hatte die Kirche St.Agnes erbaut, aber jener verhöhnt die Kirche, sie sei nicht stabil, mit zwei seiner Brunnen-Flußgestalten, die davor entsprechende Gesten machen. St.Agnes auf der Balustrade der Kirche wendet sich ab. Der Bernini-Vierströmebrunnen ist sehr schön: Donau – Ganges – Nil – Rio de la Plata. Es sitzen schon einige Leute in den Cafes vorne an der Straße. Das ist teuer. Sie zahlen den Platz mit!

Pantheon
Davor eine kurze Erläuterung zum Erbauer Hadrian, da außen groß „Agrippa“ drauf steht. Es ist einfach wunderbar hineinzugehen und nur den Raum zu schauen. Balzarini macht das sehr gut mit den Erläuterungen, die die Bewunderung nur noch steigern, die Maße, die Dicke der Mauern, die Konstruktion der Kuppel durch Hadrian selbst (das war ein Kaiser!), das Loch und der Regen, die Lüftung. Am schönsten ist aber die wunderschöne Gestaltung der Wände. Wir sehen noch die Grabmäler von Raffael und der beiden italienischen Könige Emmanuele II und Umberto I.

Santa Maria sopra Minerva
Nach Würdigung von Berninis Elefanten mit Pyramide – er dreht den Dominikanern, denen er verhaßt war, das Hinterteil zu – gehen wir auf eigenen Wunsch in die Kirche. Es ist ein wunderschöner Bau: bemalte Gotik und die einzige gotische Kirche in Rom. Das liegt am Architekten, der aus Florenz kam, wo man auch in der Gotik gebaut hatte.
In der Kirche fällt eine Jesus-Skulptur von Michelangelo auf (die Balzarini als mißlungen bezeichnet!), besonders aber ein großes überaus harmonisches Wandgemälde von Filippino Lippi, dem Sohn des Fra Filippo Lippi. Beide waren Dominikaner, der Vater zwischendurch aus dem Orden aus-, dann wieder eingetreten.
Die Kirche sieht wie viele außen unscheinbar aus. Sie ist in ihre Umgebung eingezwängt. Aber innen ist sie eine Wucht. Man fühlt sich da immer, wenn man in solche Kirchen hineinkommt, wie im Himmel oder im Paradies.
Besonders bei den alten Kirchen des 4.Jahrhunderts ist das so, weil die Außenfassade und Außenmauern gänzlich schmucklos und unverkleidet sind. Nur die Campaniles – sie sind meistens überlang – heben sich deutlich ab und prägen das Stadtbild mit. Oft haben sie auch eine Ausschmückung durch farbige Majolikateller auf der Außenmauer. Renaissance- und Barockkirchen sehen außen manchmal eher aus wie Häuser oder – im Falle von Santa Maria Maggiore – wie ein Palast.

San Ignazio
Ein schöner kleiner einheitlicher Barockplatz, alle Häuser gleichen sich. Es ist also die Jesuitenkirche, eine der beiden. Die Hauptkirche der Jesuiten steht nicht weit davon: Il Gesù. San Ignazio verblüfft und verzaubert uns mit dem Deckengemälde im Hauptschiff: Ignatius empfängt von Gott das Licht und läßt es weiterstrahlen auf die vier Erdteile hin. Trompe-l’oeil-Malerei in Perfektion. Es ist der Beginn dieser Technik der perspektivischen Täuschung und kreiert die Mode.
Auf der Piazza della Colonna meint man, man sei plötzlich an der Trajanssäule angekom-men, wenn man nicht weiß, daß es da noch so eine gibt. Es handelt sich um die stark verwitterte Säule des Mark Aurel. Rings um den großen Platz stehen Gebäude der Regierung. Wir überqueren den Platz, ziehen durch eine geschmackvoll gemachte Einkaufsgalerie in Y-Form namens Alberto Sordi und erreichen die Fontana di Trevi.

Fontana di Trevi
Sie ist viel schöner und anders, als man sich das vorstellte. Wenig Platz außen herum und riesig dimensioniert, eine richtige Brunnen-Landschaft vor einem Palast. Dieser Brunnen ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich in Rom die Geschichte vertikal erleben läßt, wie auch die Piazza Navona und vieles andere, fast alles. Der Brunnen geht also auf die Antike zurück, auf Agrippa und das Mädchen Trivia, er hatte damals schon Bedeutung als Heilquelle. Ein Papst hat dann für die üppige Ausgestaltung gesorgt. Die Quelle soll heute laut Balzarini das beste Wasser von Rom ausschütten. Ich konnte mich davon überzeugen und genoß meine damit gefüllte Wasserflasche bis zum Abend zu Hause.

Ein paar Straßen weiter über die Via del Tritone findet sich ein kleines Restaurant, wo man kühl und schattig draußen geschützt ohne Autoverkehr sitzen konnte. Wir sind von der Pizza überrascht: groß, flach, trocken und knusprig, darauf viel Super-Schinken und fein geschnittene Käseraspel mit viel Ruccola. Gut gestärkt und erfrischt kehren wir zum Trevi-Brunnen zurück. Er ist gigantisch und wirkt wie eine riesige übernatürliche Erfrischung. Hunderte von Leuten sitzen da. Die Zeit ist angehalten.

Spanische Treppe
Eigentlich die erste Enttäuschung. Es ist außer einer Treppe nicht viel dran. Aber es sitzen da Hunderte von Menschen herum. Was machen sie alle hier? Wir gehen hinauf und hinunter und durch die anschließende Modehaus-Straße und treffen uns wieder. Jetzt gibt es ernste Ermahnungen und Verhaltensregeln wegen der Diebstahl-Gefahr, denn wir müssen mit der U-Bahn fahren. Ich trage den Rucksack auf dem Bauch, halte ihn fest. Und in der Tat: es gibt die Attacke auf dem Bahnsteig beim Einsteigen in den Wagen durch eine Art Zigeunerin. Zwei Männer von der Gruppe sind betroffen. Die anderen Fahrgäste schauen auch betroffen, scheinen Mitgefühl zu haben. Am Bahnhof Termini hinaus und ins Verkehrsgewühl, eine andere Welt, nach den verträumten Gassen. Aber Santa Maria Maggiore liegt nicht weit.

Santa Maria Maggiore
Entstanden nach dem Konzil von Ephesus 431, auf dem Maria zur Gottesmutter erklärt wurde, ist diese Kirche wieder ein richtiger großer Basilika-Raum wie St.Paul. Sie ist die letzte der vier Groß-Basiliken Roms, die wir sehen. Hier ist alles das Optimum: Mosaiken in Apsis, auf Triumphbogen, in der Höhe des Langhauses – sie sehen aus wie Gemälde. Der Boden ist der schönste der Cosmaten-Böden. Die Kapellen sind einzigartig. Der Baldachin prächtig, darunter ein Grab.

In der Kapelle des linken Querschiffes fängt ein deutscher Kirchenchor an zu singen, ein Priester feiert die Messe mit ihnen. Sie singen schrecklich und intonieren falsch, schaffen die Höhe nicht, werden ständig tiefer, bieten die ganzen klassischen Schinken (Die Himmel rühmen/Ave verum etc.). Eine Ohrenqual.

Gleich nebenan liegt Santa Prassede
Ein Kleinod, die vorige Kirche im kleineren Format: tolle, berühmte Mosaiken in Apsis und Triumphbogen. Cosmatenboden. Römische Säulen, darunter auch Porphyrsäulen. Es ist ein titulus, der auf die Tochter, Praxedis, des Römers Pudens, eines Christen, im ersten Jahrhundert, zurückgeht. In seinem Privathaus wurde der Kult gefeiert und verbreitet. Pudens und seine beiden Töchter Praxedis und Pudenziana (die ebenfalls eine Kirche besitzt) wurden Märtyrer. Diese Kirche gehört mit an die vorderste Stelle, was ihre Schönheit – nicht nur den historischen Rang – angeht. Die kleineren Kirchen wirken einfach harmonischer, da gut proportioniert, umfassen einen direkter und nehmen einen in ein Wohlgefühl hinein.

San Pietro in Vincoli
Es ist sehr warm geworden. Die Sitzbänke in der Vorhalle sind willkommen. Balzarini spricht lange. Innen darf sie nichts erklären.
Das ganze Interesse dieser Kirche liegt am Moses, einem Alterswerk Michelangelos, dem echten, der das Zentrum des nach 40 Jahren endlich ausgeführten und dann stark reduzierten Grabmals von Julius II ist, allerdings so groß, daß er unproportioniert gegenüber den andren Statuen wirkt. „Moses“ war gerade vom Berg Sinai gestiegen, mit den Gesetzestafeln unterm Arm und blickt auf die Israeliten, die um das goldene Kalb tanzen. Ihn ergreift Zorn. Dieser überträgt sich in aufkommende Körperspannung und Bewegung, wie z.B. das linke Bein, die Armmuskeln, die rechte Hand am Bart.
Die Auflösung des Rätsels mit den zwei Hörnern auf dem Kopf: laut Balzarini und Buch beruht das auf einem Übersetzungsfehler, „cornati“ statt „coronati“, also ‚gehörnt’ statt ‚gekrönt’. Die ‚Hörner’ wurden Zeichen für die göttlich erleuchtete Stirn des Helden.

Die Kirche lag noch auf dem Esquilin. Danach ging es steil die Treppen hinab in die Furche zwischen dem Esquilin und dem Viminal, in der die Via Cavour verläuft, die sehr verkehrsreich ist. Es ist nun ja Werktag. Unser 75er Bus kommt ewig nicht. Der Verkehrstakt der Busse wird ein Rätsel bleiben. Wir fahren wieder alle in einem Bus sehr gedrängt. Das Abendessen hat zum ersten Mal geschmeckt: Hähnchen.


Dienstag, 2. Oktober

Es wird der schönste Tag werden bisher mit Frau Balzarini, vormittags gelassen und ruhig, nachmittags mit dem künstlerischen und touristischen Höhepunkt der vatikanischen Museen. Bei der morgendlichen Busfahrt gegen 9 Uhr merkt man, wie schon am Vortag, daß die rush-hour in Rom erst um 9 Uhr stattfindet. Das Chaos hält sich in Grenzen. Nur für den Busfahrer ist es mühsamer als sonst. Aber während der Fahrt mit unserem Bus, auf den wir lange gewartet haben, fahren insgesamt sechs Busse derselben Linie die Gegenstrecke.

Aventin
Weiterhin herrschen Sonne und wolkenloser Himmel. Auch heute wieder wird eine Kopfbe-deckung dringend benötigt.
Beim sanften Anstieg entlang der Straße am Circus Maximus bekommen wir die Erläuterung zum Palatin-Hügel. Domitian hat die gewaltige östliche Anlage errichten lassen. Das fällt auch auf dieser Seite steil ab. Der Boden der Rennbahn lag ja früher noch tiefer. Wir erreichen zunächst einen ebenen Park mit schönster Aussicht auf Rom auf der Spitze des Aventin. Balzarini erzählt allen die Gründungsgeschichte mit Romulus und Remus und den Geiern. Interessant ist, was sie später unten am Forum boarium hinzufügt. Es läßt sich natürlich erklären, warum dem Remus 6 und dem Romulus 12 Geier erschienen sind – es waren wahrscheinlich keine Geier, sondern andere Vögel: die Sümpfe am Fuße des Palatin sind umfangreicher als die des Aventin gewesen. Der Blick auf diese Stadt ist nun schon vertraut geworden.

Santa Sabina
Das Viertel ist herrlich ruhig – wohl das ruhigste in Rom. Wir sehen Santa Sabina. Es handelt sich bei dieser Kirche wieder um einen frühchristlichen titulus. Ein herrlicher, einfacher Basilika-Innenraum mit römischen Säulen – sie gehört zu den besterhaltenen frühchristlichen Kirchen – glänzt durch Fenster im Obergaden aus Gneiss, mit Maßwerk – und im Vorraum durch die erhaltene Zypressenholztüre aus dem 4.Jahrhundert, die viele Felder mit fein heraus gearbeiteten Reliefs bietet. Den Eindruck des Innenraumes beeinträchtigt jedoch ein grell farbiges Glasfenster im Chor.

Auf der Kuppe des Aventins gibt es außerdem das Gelände des Malteserordens auf exterritorialem Gebiet des Vatikans. Ein ganz ruhiger Platz liegt davor, eine Mauer trennt das Grundstück ab. Ins Portal eingelassen ist ein Loch. Menschen gucken immer wieder durch. Was ist dahinter zu sehen? Balzarini verrät es uns nicht. Wir bilden eine Schlange und erkennen einer nach dem anderen, ohne etwas zu verraten, ein Postkartenmotiv: eine lange Allee gibt, genau in der Bildmitte, den Blick frei auf den Petersdom, der hell vor dem hellblauen Himmel erstrahlt. Einer zieht den Vergleich mit dem Perspektiv in Schwetzingen. Aber hier ist es echt. Immer wieder fahren Kleinbusse vor und Leute steigen aus, um durch das Schlüsselloch zu gucken. Natürlich auch Japaner.

Santa Maria in Cosmedin
Wir kehren zurück in die Niederungen zwischen Palatin und Aventin, zum ehemaligen Viehmarkt, einem in der Antike griechischen Viertel wegen des Handels und Schiffsverkehrs. Nach kurzem Warten in der Schlange vor der Bocca della Verità, wo man geduldig mit dem Fotorummel sein muß, betreten wir die letzte frühchristliche Kirche unserer Reise. Diese hier bietet sich allerdings wahrlich zusammengestückelt dar, insbesondere, was die Säulen betrifft. Aber mit seiner Primitivität und Geschlossenheit gebietet der Raum doch Ehrfurcht.
Nun ist das Vormittagsprogramm abgeschlossen. Wir müssen weiter am Tiber entlang mit der Buslinie 23. In den ersten, wieder lange erwarteten Bus können nicht alle einsteigen. Doch drei Minuten danach kommt schon ein zweiter, der fast leer ist. In also gemütlicher Fahrt geht’s zum Platz hinter der vatikanischen Mauer, Piazza di Risorgimento.

Vatikanische Museen
An einer endlos langen Schlange entlang, um drei Ecken herum an der vatikanischen Mauer gelangen wir zum Museumseingang. Balzarinis Kommentar: die Leute haben Glück; heute ist die Schlange nicht so lang. Ein weiblicher Kommentar aus unserer Mitte lautet: Wir sind doch Papst. Da können wir doch wohl an allen anderen vorbei da rein gehen.
Angemeldete Führungen dürfen das.
Im Innenhof mit dem Bronze-Tannenzapfen, dem Cortile della Pigna, haben wir Glück, einen Platz vor einer Michelangelo-Illustration zu ergattern. Wir bekommen die Erläuterung zur Sixtinischen Kapelle, denn innen ist das nicht möglich. Balzarini erzählt anschaulich, aber es ist anstrengend, alles so theoretisch auf einmal zu erfassen.
Dann geht’s los. Der Höhepunkt der Reise naht. Es läuft ein bißchen anders ab als erwartet. Dieses Museum hat nichts mit einem normalen Museum gemein. Wir treten in einen Strom ein, den wir dann nicht mehr verlassen können, da er sich immer weiterbewegt. Wir dürfen nicht einmal in dem größeren Areal des Belvedere anhalten (was wir trotzdem tun), da die Aufseher sofort zum Weitergehen mahnen. Es ist ein zwiespältiges Gefühl, so an einer Unmenge der berühmtesten Kunstschätze einfach vorbeizugehen, ohne sie betrachten zu können. Begeisterung über diese einzigartigen Kunstschätze der Antike und der Renaissance?
Ja, aber auch Ernüchterung ob dieser Form des Kunst-Erlebens.
Ein weiteres Gefühl stellt sich ein: ist es nicht ein bißchen Hybris, wenn ein einziger Besitzer soviel Kulturgut der ganzen Welt vereinigt? Zum Glück macht es Balzarini gut. Es ist schon virtuos, wie sie im Vorbeigehen ganz individuell erzählend, doch treffend das Wesentliche der Schätze beschreibt. Ein paar kurze Haltepunkte prägten sich ein: der Belvedere mit Laokoon und attischem Apoll, die Porphyr-Riesenschale, der Torso und zuletzt die Brüsseler Wandteppiche.
Hier erklärt Balzarini etwas ausführlicher und bleibt trotz der vorbeiströmenden Menge stehen, und sie gibt stärker als gewöhnlich ihrer eigenen Begeisterung Lauf. Es stimmt: so eine Präzision und gleichzeitig Ausdruckskraft mit leuchtenden Farben und lebendigen Gesichtern habe ich noch nie gesehen. Es folgt quasi unwillkürlich der Vergleich mit Ovids Arachne-Erzählung aus den Metamorphosen. Hier wäre Anschauung für die so unglaublich klingende Beschreibung des Gewebes der mythischen Lydierin, die mit Minerva um die Krone der Webkunst kämpfte, sie darin in den Schatten stellte und nur der Willkür der Göttin unterlag.
Wir müssen sogar die Stanze des Raffael liegen lassen und steigen in die Sixtinische Kapelle hinab. O je! Eine ganze Kirche zugestopft mit Leuten! Der Lärm!! Dabei soll man schweigen. Ab und zu dringen barbarisch laute Rufe der Aufseher durch, es grenzt ans Absurde, sie fassen die Leute sogar im Innenraum an, versuchen, sie vom Fotographieren abzuhalten, Lautsprecherdurchsagen erreichen ebenfalls nichts.
Was bleibt? Es war nicht möglich, die Gemälde wirklich zu betrachten. Man konnte ja auch gar nicht herumgehen. Nur das Jüngste Gericht ist einigermaßen einprägsam auf die Sinne. Ich rechne alle die Leute, die einfach nicht den Mund halten können, zu den Figuren rechts unten, also den Verdammten. Trotz allem überwiegt eines: der Schauder, Michelangelo gesehen zu haben. Dieser Schauder wird durch Masse und Lärm miterzeugt!
Die anderen Gemälde haben weniger interessiert, obwohl sie von berühmten Malern sind.
Dann ist es vorbei. Wir finden uns auf dem Petersplatz wieder. Es gibt den Abschied von Frau Balzarini. Ich spreche hier schriftlich aus: Bravo! Bravo! Bravo!
Der Heimweg verläuft über den Gianicolo. Er war anstrengend zu Fuß. Wir sind nun müde geworden. Die Müdigkeit der letzten Tage bricht sich Bahn. Die wenig befahrene Autostraße schlängelt sich an der Stadtmauer nach oben und will nicht enden. Es findet sich keine Tür in der Mauer.
Der Gianicolo-Hügel enttäuscht. Er ist nicht gepflegt. Aber die Aussicht bedeutet in diesem Moment das Fazit des Rom-Erlebnisses. Am Ende des Fußmarsches entdecken wir den vom Hotel aus erahnten Park hinter unserer Mauer. Er führt in eine andere Sphäre, in der es Kinder gibt, viele Kleinkinder, Wasserflächen, exotische Bäume und Skulpturen aus einer bukolischen Welt.


Mittwoch 3. Oktober

Der Tag wird noch schöner: spannender und entspannter, ungewöhnlicher. Wir stehen um 6 Uhr auf und packen die Koffer.

Papstaudienz
Nach dem Frühstück um 7 Uhr ist sofort Aufbruch mit der Buslinie 870 zum Vatikan. Aber der Bus ist schon voll, als er an der Haltestelle vorbeikommt. Ein paar steigen ein. Der Rest geht zu Fuß. Wir gehen auf demselben Weg wie am Tag zuvor, unter angenehmeren Umständen, nämlich ausgeruht und abwärts. In 25 Minuten sind wir da. Wieder klappt alles wie am Schnürchen. Da wir schon Karten haben, werden wir gleich eingelassen, statt uns in die endlose Schlange einreihen zu müssen. Wir wählen Plätze aus. Es ist 9 Uhr. Meine Nachbarin liest die Pilger-Zeitung; sie ist davon ganz eingenommen. Hinter mir lärmen hispanophone Pilger. Vor mir nimmt ein Hüne Platz. Vor dem Bildschirm steht penetrant ein grauhaariger Herr, dem es gefällt gesehen zu werden. Vom Lautsprecher tönt Marschmusik. Statt Besinnung, Muße und Zeit zur Vorbereitung auf die Begegnung mit dem Papst und Betrachtung des Petersplatzes heißt es also vorlieb nehmen mit solchen Umständen. Zusätzlich haben sich Leute in den Mittelgang gestellt. Das war ja nun nicht die ideale Vorbereitung auf den lange erwarteten Moment geistlicher Erfüllung, es war aber in gewisser Weise schon ein Moment der Reflexion als Abschluß der gesamten Reise. Außerdem ist es faszinierend, Menschen aus so vielen Nationen in ihrer ursprünglichen Art zu erleben, als so etwas wie eine große Familie.

Um 10.15 Uhr erscheint der Hubschrauber des Papstes auf dem Bildschirm, kurz darauf beginnt die Lautsprecherstimme, die anwesenden Gruppen zu begrüßen. Auch das Paulusheim wird erwähnt, die unsrigen machen sich bemerkbar und werden stark in der näheren Umgebung wahrgenommen. Ebenso geht es mit den anderen Gruppen um uns herum.
Kurz vor 10.30 Uhr fährt der Papst im Papamobil durch die Reihen; er kommt im Quergang 10 m entfernt bei uns vorbei, schaut uns an und segnet uns. Ein wahrhaft gesegneter Moment! Ab der folgenden Predigt in italienischer Sprache über den Hl.Cyrillus, die man sogar verstehen kann, wird der Rest der Audienz zu einem geschlossenen Ganzen der Besinnung und solidarischen Gemeinschaftsfindung mit religiösem Charakter. Ich staune über die Sprachkompetenz von Benedikt. Die Marschmusik von vorhin wird jetzt leicht als Geschenk einer Pilgergruppe an die ganze Gemeinschaft verstanden. Viele solche Gruppen liefern ein solches musikalisches Geschenk ab, auch der Kirchenchor von vorgestern. Das alles wirkt folkloristisch. Die Veranstaltung versteht sich selbst auch so: völkerverbindend in Christus und in der Freude, da- und zusammenzusein. Die ganze Papstaudienz besteht zu 70% aus Begrüßung der Menschen durch Repräsentanten der Nationen im Vatikan, durch deren Geschenk-Beitrag und der Antwort des Papstes in der jeweiligen Sprache.
Apropos Sprachen: anhand des Johannes-Evangeliums Kap.1 ließen sie sich schön vergleichen. Der junge Franzose aus dem Vatikan schneidet am besten ab, was den schönen Vortrag der eigenen Muttersprache betrifft. Der Segen des Papstes am Ende beendet das geistliche Erleben gebührend.
Beim Aufbruch vom Platz in Richtung Stadt ist es schön, sich viel Zeit zu lassen, um sich nicht sofort vom Anblick des Petersplatzes trennen zu müssen. Ein begnadetes Licht scheint über Kirche und Platz zu ruhen.

Rom privat
Ein heiter gelassener Bummel durch Rom in südöstlicher Richtung, immer der Nase nach, beschließt die Romreise 2007. Nach der Ponte Sant’Angelo gehen wir durch die Via dei banchi vecchi und die Via del Pellegrino, interessante, unverfälscht römische Gassen mit schicken Kunst- und Goldschmiedeläden, bis wir an der Piazza del Campo dei Fiori, nahe der Piazza Farnese, herauskommen. Dort ist Markt und buntes ursprüngliches Treiben. Wir finden – es ist 12.45 Uhr – einen guten Platz vor einer Pizzeria außen – es sind 25°. Es ist die Pizzeria Virgilio. Man fühlt sich einfach wohl. Die Pizza schmeckt wiederum sehr gut, echt römisch wie an den Vortagen, der Chianti mundet.

Es ist viel Leben auf dem Platz, es mutet ursprünglich an, aber alles geht völlig ruhig zu. Es war ein preiswertes Essen.
Nach dem Bummel über den Platz mit Inspektion der Ware, vor allem des Gemüses, und Würdigung der Statue Giordano Brunos, schlendern wir über Piazza Navona, an Regierungs-gebäuden vorbei – ein großes Aufgebot an Polizei schützt irgendeinen Prominenten -, sehen noch einmal kurz im Pantheon vorbei – das bleibt das schönste Gebäude -, frischen auch den Eindruck von Santa Maria sopra Minerva auf und gehen direkt zur Piazza di Venezia und gleich links seitlich, bis wir nach Umrundung des Gevierts auf die Trajanssäule stoßen, die wir noch nicht gesehen haben.
Nun stellt sich an den Kaiserforen heraus, daß die Aufnahmekapazität erschöpft ist und letztere bis zum nächsten Mal warten müssen, um richtig erkundet und verstanden werden zu können. Der arme römische Soldat im Kostüm! Was der in der brütenden Sonne schwitzen muß! Die Schweißperlen rinnen ihm über das Gesicht. Und keiner nimmt von ihm Notiz.
Noch einmal ein Gang über das Forum Romanum. Ein Pilgerzug wird daraus und ein Abschiednehmen. Kein Gang mehr über den Palatin-Hügel. Das ist alles zuviel. Beim nächsten Mal. Was noch alles beim nächsten Mal? Ara Pacis und Augustusmausoleum? Via Appia? Kaiserforen? Kolosseum von innen? Thermen? Und, und und …… Und das wäre dann nur das antike Programm.
Bei der Ankunft im Hotel ist schon ganz deutlich der Abschied angebrochen. Aber es geht geruhsam zu, und leise.
So eine Reise braucht auch ihre Konstante, wie in einer guten Komödie. Da waren sie wieder, etwas versteckt im Lunchpaket, im Innern einer Aluminiumschale mit Sauce – die Werschtli. Man durfte ja auch nicht erwarten, daß die guten Mitarbeiterinnen im Hotel noch 100 Brote schmierten. Mein Rucksack hätte fast die Sauce zu spüren bekommen. Reaktion: weg mit ihr den nächsten Abfallbehälter am Flughafen.
Der Flughafen war ein Ameisenhaufen. Endlich saß man erleichtert in einem vollen, neu anmutenden und geräumigen Airbus, einem riesigen Apparat der Swiss International. Die Anspannung fiel langsam ab. Der Start wiederum faszinierend durch den diesmal noch schnelleren Schub im Rücken. Flug über das Meer, der Küste entlang. Wolken über den Alpen, aber Zürich frei. Welch ein Anblick in der Nacht! Sogar der Pilot macht uns drauf aufmerksam. Der Airbus fliegt eine Kurve über Zürich, ich erkenne Einzelheiten der Innenstadt. Dann fliegt er gen Osten am See entlang, bevor er nach einer Kurve weich landet. Der Züricher Flughafen ist wie ausgestorben; gegen Rom ist das hier ein Friedhof. Entspannte Wartezeit auf das nächste Flugzeug. Es ist das letzte am Abend.
Die letzte Etappe im Bus ist geprägt von den Bildern, die im Kopfe vorüberziehen, später vom Fazit einer noch lange nachhaltenden, sehr gelungenen Reise durch die Vorsitzenden. Recht so. Herzlicher Dank an Wolfgang Barth: Wir hatten eine sehr gute Reiseleitung!

Manfred Berberich im Oktober 2007

Freundeskreis Berichte Veranstaltungen Rom - Okt 2007