Lisa Bender: Im Sozialpädagogischen Wohnheim für Kinder und Jugendliche mit Mehrfachbehinderung in Karlsruhe
Mein Sozialpraktikum verbrachte ich im Sozialpädagogischen Wohnheim für Kinder und Jugendliche mit Mehrfachbehinderung in Karlsruhe. In dieser Einrichtung leben schwerbehinderte Kinder im Alter von zwei bis 18 Jahren in vier Gruppen zu je sechs bis sieben Kindern zusammen. In einer der Gruppen arbeiten zusätzlich Krankenschwestern, da die dort behandelten Kinder besondere medizinische Pflege benötigen. Ich arbeitete allerdings in einer Gruppe, in der keine Schwestern eingesetzt sind.
Als ich am ersten Tag ins Wohnheim kam, war ich erschüttert von der Schwere der Behinderungen, die die Jugendlichen haben. Leicht behinderte Menschen gehören heutzutage ja fast zum Straßenbild dazu; da aber mehrfach behinderte Menschen rund um die Uhr betreut werden müssen, leben sie oft außerhalb unseres Blickwinkels. Die meisten Kinder im Wohnheim haben eine Behinderung plus Epilepsie, einige haben schwere Lungenprobleme, andere sind Spastiker, wieder andere können nicht selbstständig schlucken. Die Kinder sitzen den Tag über im Rollstuhl oder liegen im Bett. Keines der Kinder kann sprechen. Am Anfang fand ich die Betreuung der Kinder sehr schwierig, weil sie sich nicht äußern oder ausdrücken können. Ich war mir in den ersten Tagen nie sicher, ob das, was ich mit ihnen machte, ihnen auch gefiel. Mit der Zeit lernte ich allerdings, mehr auf die Kinder einzugehen, um dann zu erfahren, was sie mögen und brauchen. Ein Junge fand es zum Beispiel unglaublich komisch, verschiedene Geräusche zu hören. Wenn man ihn zum Lachen bringen wollte, zog man am besten die Nase hoch oder schabte mit einem Stuhl auf dem Boden herum; eigentlich wirkte das immer, um ihn aufzuheitern.
Eine meiner Aufgaben war also die Betreuung der Kinder; eine zweite war die Unterstützung der Mitarbeiter bei der Pflege der Kinder. Die Kinder werden zweimal am Tag gewaschen und mehrmals gewickelt. Es gibt drei Mahlzeiten pro Tag. Einige der Kinder werden per Magensonde ernährt. Ich durfte die Kinder, die selbst essen konnten, füttern, sie waschen, wickeln und in ihre Rollstühle setzen bzw. in ihre Betten legen. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass die Mitarbeiter mich sehr gut aufgenommen haben und mir gut erklärten, was ich bei der Pflege beachten musste. Ich konnte mich bei Fragen oder Zweifeln immer an jemanden wenden, der mir dann einen Rat gab oder mir half. Eine dritte Aufgabe von mir war es, die Kinder zu Therapien zu begleiten. Die Jugendlichen erhalten zum Beispiel Ergo- und Musiktherapie. Ich konnte bei den Therapien dabei sein und den Kindern bei der Therapie helfen. Es war schön zu sehen, wie sich ein kleiner Junge, der an Krämpfen und Spasmen leidet, während den Therapien entspannen konnte, während er die restliche Zeit des Tages verspannt und verkrampft daliegt.
Eine Sache, die mir während des Praktikums zu denken gab, war die Frage, wie wohl die Eltern mit den Behinderungen ihrer Kinder umgehen. Sie können ihre Kinder nicht bei sich zu Hause haben, sondern müssen sie in ein Wohnheim geben. Das heißt, sie können ihre Kinder relativ selten sehen. Ich denke, es ist auch gerade für die Eltern schwierig, mit den Behinderungen ihrer Kinder klarzukommen.
Insgesamt kann ich sagen, dass ich das Praktikum als sehr positiv empfunden habe. Im Wohnheim herrschte immer ein gutes Klima unter den Mitarbeitern, ich wurde gut aufgenommen und durfte fast überall helfen. Obwohl der Zugang zu diesen Kindern manchmal etwas schwierig ist, war es doch eine sehr angenehme und schöne Zeit, die ich mit ihnen verbringen durfte.
Während solcher Arbeit im Rahmen eines Praktikums merkt man erst, welch Glück wir Gesunden mit unserem Leben haben. Die Kinder in solchen Wohnheimen haben sich ihr Leben sicher nicht ausgesucht, und doch sind die meisten fröhliche und zufriedene Personen. Wir Gesunden halten unser Leben oft für selbstverständlich und brauchen viel mehr, um uns glücklich nennen zu können als diese Kinder, die dann von uns auch noch als „beschränkt“ bezeichnet werden. Unter einem Bild von einem behinderten Jungen, das im Wohnheim hängt und von einem der Mitarbeiter aufgenommen wurde, steht: „Hilfst du mir, sie wegzuschaufeln - all die Jahre, in denen ich vergessen hatte, was wirklich wichtig ist?“ Ich denke, genau das ist der Sinn des Sozialpraktikums: sich erinnern, dass es uns besser geht als vielen anderen und dass es vielleicht neben Klamotten, Musik und der nächsten Lateinarbeit noch andere, wichtigere Dinge im Leben gibt.
Diese Eindrücke wurden mir während meines Praktikums vermittelt, und ich kann diese Arbeit jedem empfehlen, der eigene Erfahrungen mit Behinderten machen und eventuell seine Einstellung zum Leben verändern will.

