Privates Gymnasium St. Paulusheim, Bruchsal
 
Privates Gymnasium St. Paulusheim, Bruchsal

Sozialpraktikum

Björn Butterer, Elias Pierro und Daniel-Tobias Powietzka

Sozialpraktikum im Bruchsaler Tafelladen

Viele Mitschüler haben uns gefragt, was denn der Tafelladen sei und was wir dort für Aufgaben erledigen müssten, da sie noch nie oder nur wenig über den Tafelladen gehört haben - wahrscheinlich deshalb, weil es diesen Laden erst seit kurzem in Bruchsal gibt.

Was der Tafelladen ist und was es dort zu tun gibt, ist schnell erklärt: Im Tafelladen werden Waren verkauft, die entweder kurz vor dem Ablauf ihres Datums beschädigt oder nicht in normalen Läden von der Kundschaft gekauft worden sind und normalerweise entsorgt werden müssten. Diese Waren werden jeden Morgen (außer an Wochenenden und Feiertagen) mit einem Lieferwagen von bestimmten Läden, z.B. Bäckereien oder Supermärkten und Discountern, abgeholt, zum Tafelladen gebracht, sortiert und in den Verkaufsraum geräumt, um sie schließlich an sozial schwache Menschen zu einem geringen Preis zu verkaufen. Als sozial schwach gelten diejenigen, so wurde es festgelegt, deren Einkommen unter 750 Euro (bzw. 250 Euro pro Person bei Hausgemeinschaften) liegt. Diese Menschen bekommen vom Tafelladen einen Ausweis ausgestellt und können nun dort einkaufen. Das Geld, das eingenommen wird, dient lediglich dazu, die Unkosten des Tafelladens, d.h. die Kosten für die Miete, den Strom, das Wasser und den Lieferwagen zu tragen. (Die Ein-Euro-Jobber werden von der Caritas bezahlt.) Sollte eventuell ein Überschuss erwirtschaftet werden, wird dieser als Rücklage verwendet, falls einmal ein Kühlschrank oder ähnliches kaputt gehen sollte und ersetzt werden müsste. „Der Laden dient nicht dazu, Gewinn zu machen, sondern bedürftigen Menschen zu helfen“, erklärte unser Chef Herr Ellinghaus gleich am Anfang unseres Praktikums. Er selbst ist ein Ehrenamtlicher, der nach seiner Pensionierung diesen Laden geschaffen hat, jetzt verwaltet und auch mit anpackt.

Unsere Aufgaben im Tafelladen waren sehr vielfältig. Wir begleiteten abwechselnd den Lieferwagenfahrer und halfen beim Einsammeln der Waren. Derjenige, der mitfuhr, musste schon um 8.00 Uhr anfangen, die beiden anderen erst um 10.00. Nach der Rückkehr von der ersten Tour sortierten wir die Waren und räumten sie ein. Da es mehrere Sammeltouren gab, ging die Arbeit eigentlich nie aus. Beim Sortieren mussten wir natürlich darauf achten, dass die Waren noch nicht abgelaufen, schlecht oder zu beschädigt waren. Gemüse, Obst und Brot, das nicht mehr gut aussah bzw. zu trocken war, wurde in einer Extrakiste aufbewahrt und später nach den Sammeltouren zu einem Tierpark gebracht. Beim Salat entfernten wir manchmal die oberen Blätter und kürzten den Strunk. Kartoffeln und Karotten mussten oft umgepackt werden. Wir räumten auch die Backtheke ein, fegten und wischten den Boden oder brachten den Müll raus. Mit dem Auszeichnen der Waren hatten wir manchmal Probleme, da wir nicht wussten, wie viel etwas kosten sollte. Zwar sagte man uns, dass die Preise ein Drittel vom Aldi-Preis betragen, da wir aber jenen nicht immer kannten, mussten wir oft nachfragen, was aber nicht weiter schlimm war. Natürlich bekamen wir, wie alle anderen Mitarbeiter auch, eigene Schürzen und Namensschilder. Neben dem Einsammeln, Sortieren und Zurechtmachen der Waren gehörte auch der Verkauf zu unserem Aufgabenbereich. Meist standen zwei von uns an „Kasse 2“; der Dritte im Bunde bediente hinter der Backwarentheke oder übernahm „Kasse 1“.

Der Laden öffnet für die Kundschaft erst um 12.30 Uhr, aber meistens war die Tür schon bereits um zwölf Uhr regelrecht belagert. Der große Ansturm bei der Öffnung des Ladens hatte selbstverständlich einen Grund. Das Warenangebot ist von Tag zu Tag unterschiedlich. Bestimmte Waren mussten deshalb rationiert werden und waren trotzdem recht schnell ausverkauft. Beispielsweise bekam der Tafelladen an manchen Tagen nur zehn Tafeln Schokolade. Die ersten zehn Kunden konnten sich folglich Schokolade kaufen (pro Kunde nur eine Tafel), während der Rest leer ausging. Deshalb waren manche Kunden auch enttäuscht, wenn sie sahen, dass es keine Schokolade oder z.B. kein Fleisch mehr gab. Doch der Tafelladen kann die Menge an bestimmten Waren eben leider nicht selbst festlegen.

Zu den Kunden des Tafelladens zählen vorwiegend Rentner, Einwanderer, Alleinerziehende, aber auch größere Familien. Uns wurde gesagt, dass es einigen Kunden anfangs peinlich war, im Tafelladen einzukaufen, weil sie sich dadurch gleichsam als Sozialhilfeempfänger outeten. Dennoch suchten viele Rentner - vermutlich aus Einsamkeit - das Gespräch, wenn sie an der Kasse bezahlten. Anfangs war es für uns schon etwas seltsam, wenn fremde Menschen uns erzählten, was sie mit den gerade gekauften Lebensmitteln anfangen werden. Im allgemeinen wirkten die Kunden des Ladens sehr freundlich. Leider gab es aber auch Ausnahmen; einige wenige schienen nicht zu verstehen, was der Tafelladen ihnen ermöglicht. Weil zur Klientel des Tafelladens auch Menschen gehören, die sehr zurückgezogen leben, sich von der Außenwelt abschotten und deshalb vielleicht anfälliger für Alkohol und andere Drogen sind, liegen im Laden verschiedene Broschüren zum Thema Sucht bereit.

Intensiver als jene Gespräche mit einzelnen Kunden waren die mit den Mitarbeitern, insbesondere den Ein-Euro-Jobbern. Beispielsweise arbeitete im Tafelladen ein etwas älterer, gut aussehender netter Mann, den wir anfangs für einen ehrenamtlichen Mitarbeiter gehalten hatten. Im Laufe des Praktikums erfuhren wir jedoch, dass der Mann durch traurige Ereignisse arbeitslos geworden war und nun im Tafelladen als Ein-Euro-Jobber arbeitet. Er war viele Jahre lang in einer Firma tätig gewesen, ehe seine Frau unheilbar erkrankte. Um voll und ganz für seine Frau da zu sein, kündigte er schließlich seine Arbeit. Nachdem seine Frau jedoch gestorben war, erhielt er keinen Arbeitsplatz mehr und wurde arbeitslos. Ein anderer Mann, der im Tafelladen als Fahrer arbeitet, war lange Lastwagenfahrer bei einem Speditionsunternehmen gewesen. Als dieses Unternehmen jedoch Bankrott ging, verlor auch er seinen Arbeitsplatz. Geschichten wie diese stimmen einen nachdenklich, da man hautnah erkennt, wie schnell es bergab gehen kann. Gelegentlich hatten wir allerdings auch das Gefühl, dass manch einer für seine missliche Lage selbst verantwortlich ist: so z.B. ein junger Mann, der seine Arbeit verloren hatte, weil er häufig zu spät kam. Leider erschien er auch im Tafelladen zumeist erst, nachdem ihn ein Mitarbeiter per Anruf weckte.

Durch unsere Tätigkeit im Tafelladen erfuhren wir einmal aus erster Hand, dass es vielen Menschen sehr viel schlechter geht als uns. Das war eine sehr lehrreiche Erfahrung. Wir konnten viele Personen näher kennen lernen und uns auch von den Ein-Euro-Jobbern ein Bild machen. Wie uns am Ende mitgeteilt wurde, war man mit unserer Arbeit sehr zufrieden, obwohl die Mitarbeiter des Tafelladens zunächst sehr skeptisch gewesen waren, als sie von unserem Praktikum erfahren hatten. Sie dachten, wir würden sicherlich nicht mitarbeiten. Letzten Endes konnten wir sie eines Besseren belehren und man schlug uns vor, wir könnten gerne in den Ferien mal wieder vorbeischauen. Da uns die Arbeit im Bruchsaler Tafelladen sehr viel Spaß gemacht hat, werden wir dort wohl voraussichtlich wieder in den Winterferien mit anpacken.

Ein Vorwurf, den man nach dem Praktikum gelegentlich hörte, war der, dass ein Berufspraktikum viel sinnvoller gewesen wäre als ein soziales Praktikum. Diesen Vorwurf können wir jedoch nicht nachvollziehen. Wir haben durch das Praktikum sehr viel an Erfahrung hinzugewonnen, und zwar eine Art von Erfahrung, die uns ein Berufspraktikum wohl nie hätte geben können.



 
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