Compassion 2006: Lena Fessler 11b
Vierzehn Tage zwischen Jung und Alt
Als es darum ging, sich um einen Praktikumsplatz zu bemühen, war mir klar, dass ich mit Kindern bzw. Jugendlichen arbeiten möchte – am liebsten im Kinder- und Jugendzentrum Südstadt. Es stellte sich aber recht schnell heraus, dass die tägliche Einsatzzeit dort zu kurz sein würde, um die Rahmenbedingungen des Sozialpraktikums zu erfüllen. Eine Lösung bot sich durch einen ergänzenden Einsatz in der Altentagespflege. Da sowohl das Jugendzentrum Südstadt als auch die Tagespflegestätte zum Caritasverband Bruchsal gehören, war die Koordination nicht allzu schwierig. Ein gewisses Unbehagen angesichts meiner bevorstehenden Arbeit an zwei derart unterschiedlichen Orten hatte ich schon, dennoch willigte ich ein, die Vormittage meiner Praktikantenzeit mit der Betreuung alter Menschen und die Nachmittage mit der Unterstützung von Kindern und Jugendlichen zu verbringen.
Die Tagespflege der Caritas ist ein teilstationäres Angebot im Vergleich zu einem stationären Altenheim. Die Tagesgäste werden vom Fahrdienst daheim abgeholt und am Nachmittag wieder nach Hause gefahren. Sie bietet für bis zu 15 Tagesgäste Platz. Zwei Krankenschwestern, eine Altenpflegerin, eine Erzieherin und ein Zivildienstleistender stellen das Team. Das Hauptziel der Einrichtung besteht darin, bei pflegebedürftigen und dementiell erkrankten Menschen noch vorhandene Fähigkeiten zu stärken, Verlorengegangenes versuchen wiederherzustellen und ihnen einen Ort der Geborgenheit und Unterhaltung zu geben. Außerdem soll die Tagespflege auch der Entlastung von pflegenden Angehörigen dienen.
Da ich im Vorfeld unsicher war, wie ich am ersten Tag Kontakt knüpfen und mich gegenüber den alten Menschen verhalten sollte, war ich ziemlich aufgeregt. Umso erfreulicher waren meine ersten Eindrücke: Ich wurde sehr nett von den Mitarbeitern begrüßt, an den Frühstückstisch gebeten und schon bald in ein Gespräch mit einer freundlichen alten Frau verwickelt. Trotzdem fühlte ich mich gegenüber anderen Tagesgästen zunächst recht hilflos, denn die Menschen dort sind sehr unterschiedlich: Manche sind geistig noch sehr fit, dafür aber körperlich stark beeinträchtigt. Andere leiden an Demenz und haben somit keinerlei Interesse an ihrer Umgebung, sind aber körperlich noch auf der Höhe. Wieder andere sind nur anwesend, weil sie Unterhaltung und Gemeinschaft suchen.
Nach einigen Tagen pendelte sich dann ein abwechslungsreicher Rhythmus meiner vielfältigen Aufgaben ein: Ich begann um 8.30 Uhr. Einige Tagesgäste waren schon am Frühstückstisch, die anderen wurden vom Zivi noch gebracht. Sobald sie ankamen, war es für mich selbstverständlich beim Aussteigen und Ausziehen zu helfen. Viele hörten nach dem Frühstück mit großem Interesse zu, als die Zeitung vorgelesen wurde. Hierbei wird ihnen ermöglicht, das aktuelle Geschehen zu erfahren, das sie meist alleine nicht mehr erfassen können. Wir sprachen gemeinsam über interessante Artikel. Manchmal spielten wir danach im kleineren Kreis Mensch-ärgere-dich-nicht, Memory oder andere Gedächtnisspiele. Zwei Mal in der Woche kam vormittags eine ehrenamtliche Helferin, die mit den Tagesgästen je nach Jahreszeit und Anlass bastelt. Vielen konnte ich beim Umgang mit Schere und Kleber behilflich sein. Bald erkannte ich, wie einfach man den Menschen Freude bereiten und wie viel man mit wenig Aufwand erreichen konnte. Beim Spielen etwa war die Freude groß, wenn die gleiche Augenzahl gewürfelt wurde oder immer wieder ein anderer gewinnen konnte.
Um 11.00 Uhr half ich bei der Essensverteilung der hausgemachten Suppe. In der Zeit zwischen Suppe und Mittagessen war ich entweder mit einer Erzieherin und einer kleineren Gruppe Tagesgästen in der Stadt spazieren oder ich habe einigen einen Text diktiert und versucht sie dadurch zu fördern. Nach dem Mittagessen half ich die Leute „ins Bett zu bringen“, da die Mittagsruhe von 12.30 - 14.30 Uhr anstand. Das anfängliche Gefühl der Hilflosigkeit war verschwunden und ich fand bei Fragen unterschiedlicher Bereiche in den Mitarbeitern immer Ansprechpartner. Die Leiterin der Einrichtung vermittelte mir auch einen Einblick in die Verwaltungsarbeit, die hinter der Einrichtung steht.
Nach der Mittagspause begab ich mich zu meiner zweiten Station, dem 1970 gegründeten Kinder- und Jugendzentrum Südstadt. Es setzt sich aus zwei Bereichen zusammen: aus dem Kinderbereich, der die Lernhilfe und die anschließende Jugendsozialarbeit für Grund- und Förderschüler umfasst, und aus dem Jugendbereich, in dem offene Arbeiten stattfinden. Ich war von 14.00 -16.30 Uhr im Bereich der Lernhilfe tätig. Diese hat die Verbesserung der schulischen Leistungen und den Ausgleich möglicher Defizite zum Ziel. Kinder, die verstärkt in ihrem Sozialverhalten gefördert werden müssen, haben zudem die Möglichkeit, an der Jugendsozialarbeit teilzunehmen, welche finanziell vom Jugendamt unterstützt wird. Eine Lerngruppe der Lernhilfe setzt sich aus vier bis sechs Kindern und dem Erzieher zusammen. Das Team der Lernhilfe selbst besteht aus insgesamt fünf Erziehern und einem Zivi. Es verfügt über mehrere Gruppenräume, einen großen Spielraum, eine Küche und ein Büro.
Als ich am Montag gegen 14.00 Uhr in der Südstadt ankam, war eine Erzieherin krank geworden. So führte ich zusammen mit einem Aushilfslehrer an den ersten beiden Tagen eine Gruppe von fünf Kindern. Meine Aufgabe in dieser Einrichtung sollte darin bestehen, die Kinder beim Lernen zu unterstützen und ihnen Lösungen für ihre schulischen Probleme zu zeigen. Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Die ruhigere Atmosphäre des Vormittags war wie weggeblasen. Zwar war ich im Gegensatz zum Vormittag weit weniger aufgeregt, doch stellte ich überraschenderweise fest, dass die Kinder nicht wirklich erfreut waren, als sie mich sahen. Stattdessen hatte ich das Gefühl, dass in vielen Köpfen der Gedanke „Nicht noch so eine, die uns etwas lehren will!“ umgeht. Die Kinder waren dann auch zunächst eher respektlos und sehr ungeduldig. Ich war bisher noch nie in so einer Situation.
Ab Mittwoch führte ich diese Gruppe unerwartet alleine, was mir aber rückblickend sehr viel Freude und Erfahrung im Umgang mit Kindern brachte. Schwierig für mich war es, konsequent zu bleiben. Schnell habe ich gemerkt, wie wichtig es für die Kinder ist, gelobt zu werden. Nach der täglichen Pause von 15.00 - 15.15 Uhr waren sie ausgeglichen und wissbegierig. Zu einem
Mädchen schloss ich sehr schnell Freundschaft, sie malte mir Bilder und akzeptierte mich als erste. Nach und nach erzählten mir auch die anderen Kinder mit Freude, was sie in der Schule erlebt hatten. Am Ende hatten wir ein gutes Verhältnis und machten nach den Hausaufgaben zusammen Spiele und unterhielten uns über die Schule.
Insgesamt habe ich das Praktikum sehr genossen. Es ermöglicht einem die Chance, Zugang zu Menschen zu bekommen, die man sonst auf der Straße nicht beachten würde, was ja auch der Sinn dieses Praktikums war. Gerade in der Altentagespflege habe ich gemerkt, wie viel Gutes man in nur zwei Wochen tun kann. An meinem letzten Tag weinte sogar ein Mann vor Rührung, als ich ihn zur Ruhepause begleitete. Die anfänglichen Befürchtungen im Hinblick auf den Einsatz in zwei ganz unterschiedlichen Einrichtungen erwiesen sich am Ende als unbegründet. Zwar war der Alltag zwischen Jung und Alt von krassen Gegensätzen geprägt, aber gerade das hat dieses Praktikum für mich so spannend gemacht. Das Sozialpraktikum war für mich eine große Chance, anderes kennen zu lernen, aber auch ein Anstoß, über das eigene Leben nachzudenken.
Zum Schluss möchte ich mich noch einmal für die aufgeschlossene Art der Mitarbeiter und für die erlebnisreiche Zeit, die mir ermöglicht wurde, bedanken.

