Privates Gymnasium St. Paulusheim, Bruchsal
 
Privates Gymnasium St. Paulusheim, Bruchsal

Compassion 2006: Christina Hügelschäffer

Zwei Wochen in der Astrid-Lindgren-Schule oder „Sag mal ‚Sch‘!“


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Die Astrid-Lindgren-Schule in Forst, in der ich mein Sozialpraktikum verbracht habe, ist eine Grundschule für sprachbehinderte Kinder. Ihr Ziel ist es, diesen Kindern so schnell wie möglich eine erfolgreiche Teilnahme am Unterricht einer allgemeinen Schule zu ermöglichen. Und in der Tat können fast alle Kinder nach der vierten Klasse eine weiterführende Schule besuchen. Um das zu schaffen, dürfen die Kinder, die in die Astrid-Lindgren-Schule aufgenommen werden, allerdings außer der Sprachbehinderung keine weiteren Behinderungen haben.

Unter einer Sprachbehinderung versteht man zum Beispiel Stottern, Sprechverweigerung, Fehlbildung von Lauten oder auch Schwierigkeiten beim Bilden von Sätzen. Mit einer Sprachbehinderung sind auch häufig Sprachentwicklungsverzögerung, Wahrnehmungs- und motorische Probleme verbunden. Um all das bis zur vierten Klasse so weit wie möglich zu beheben, haben die Schüler zum normalen Unterricht noch besondere Förderstunden, wie zum Beispiel Rhythmik oder Spieltherapie. Sie haben daher jeden Tag zwei Stunden Nachmittagsunterricht.

An meinem ersten Praktikumstag war ich sehr aufgeregt und machte mir vor allem Gedanken darüber, ob ich die Schüler denn überhaupt verstehen können würde. Nachdem ich dem Rektor und den Lehrern, die meine Klasse unterrichteten, vorgestellt worden war, fühlte ich mich schon besser, denn alle waren sehr freundlich und behandelten mich nicht wie eine Praktikantin, sondern eher wie ein neues Kollegiumsmitglied.
Danach ging es zum ersten Mal in den Unterricht. Ich war einer ersten Klasse mit zwölf Schülern (das ist die Maximalgröße einer Klasse dort) zugeteilt, und meine Bedenken, diese nicht zu verstehen, bewahrheiteten sich tatsächlich.
Doch das änderte sich rasch, denn im Unterricht wird sehr viel im Stuhlkreis gesessen und geredet. So hatte ich schon nach zwei Tagen mit ihrer Art zu sprechen keine Probleme mehr. Im Deutschunterricht begannen die Kinder gerade lesen und schreiben zu lernen. Dabei sah ich, dass sie motorische Probleme hatten, zum Beispiel, wenn sie lernten einen neuen Buchstaben zu schreiben.

Der Klassenlehrer, Herr Emmert, erklärte mir, warum eine solche Grundschule für die Kinder so wichtig ist. Zum einen seien die Schüler von dem Druck befreit, durch ihre Sprachprobleme aufzufallen. In einer normalen Klasse könnte durch negative Äußerungen von Mitschülern ihr Selbstbewusstsein verletzt werden. Zum anderen gibt es auch Förderstunden und die Einzeltherapie. Hier bekommt jeweils ein Kind gesondert eine individuelle Therapie, während der Rest der Klasse normalen Unterricht hat. Im Laufe meines Praktikums war ich zwar auch bei mehreren Einzeltherapien anwesend, verbrachte aber die meiste Zeit in meiner Klasse, die ich teilweise ganz allein unterrichtete, wenn eigentlich ein Vertretungslehrer benötigt worden wäre.

Zwei Mal pro Woche besuchte ich mit Herrn Emmert die Kindergärten von Forst und Hambrücken. Dort wurden dann alle Kinder untersucht und wenn es nötig war, an einen Logopäden überwiesen. Während der Zeit im Kindergarten konnte ich Herrn Emmert alle möglichen Fragen stellen. So erfuhr ich zum Beispiel, dass Sprachbehinderungen häufig auch eine Folge von Vernachlässigung seien. Und so bekam ich sowohl im Kindergarten als auch im Lehrerzimmer viele traurige Geschichten zu hören, in denen des Öfteren die Rede von Jugendamt und Heimen war und einmal sogar von sexuellem Missbrauch durch eigene Familienmitglieder.

Eine andere Geschichte, die mich sehr bewegt hat, erlebte ich im Schulkindergarten der Astrid-Lindgren-Schule. Herr Emmert machte dort einen Schulreifetest mit einem Mädchen, das mir während des Tests wie ein normales, vielleicht ein wenig hyperaktives Kind vorkam. Nachdem das Kind zurück in seiner Gruppe war, sagte die Mutter, sie habe ihre Tochter nur sehr selten so ruhig und konzentriert gesehen. Dem Test zufolge betrug der IQ des Mädchens nur 75. Das heißt, dass sie nie eine normale Schule besuchen werden kann. Die Mutter erzählte daraufhin, dass sie dieses Mädchen aus einem osteuropäischen Waisenhaus adoptiert habe, da sie selbst keine Kinder haben könne, sich aber sehnlichst eines gewünscht hat und gleichzeitig etwas Gutes tun wollte. Je älter das Mädchen wurde, um so mehr habe sich herauskristallisiert, dass mit diesem Mädchen nicht alles normal ist. Es schaute einen nie richtig an, sondern blickte eher durch einen hindurch. Manchmal habe es mit seinen acht Jahren Phasen, in denen man glauben könne, es sei hochbegabt, manchmal Phasen, in denen es sich benehme wie ein zwei Jahre altes Kind. Außerdem brauche das Mädchen 24 Stunden Programm, da es sonst die unmöglichsten Dinge tue. Zum Beispiel habe es einmal die Küche in Brand gesetzt, während die Mutter auf der Toilette war. Weiter erzählte die Mutter, dass das Mädchen als Embryo scheinbar sehr viel Alkohol abbekommen habe, und daher unter anderem der Tag-Nacht-Rhythmus gestört sei. Nun sei sie auf der Suche nach einer geeigneten Schule, doch sie fände keine, die ihre Tochter nehme. Und wenn sie keine Schule fände und das Mädchen den ganzen Tag bei sich zu Hause hätte, würde sie nach einem Monat einen Nervenzusammenbruch erleiden. Die Frau lächelte zwar während sie mir das erzählte, doch es war kein fröhliches, sondern ein verzweifeltes Lächeln.
Es war nicht das Schicksal des Kindes, das mir so nahe ging, sondern das der Mutter, da sie wirklich nur das Beste für dieses Kind will, obwohl es nicht einmal ihr leibliches ist. Sie will etwas Gutes tun und geht selbst daran kaputt.

Ich bereue es nicht mein Sozialpraktikum in der Astrid-Lindgren-Schule gemacht zu haben, da die Arbeit mit den Kindern mir sehr viel Spaß gemacht hat, auch wenn ich einige traurige Erfahrungen machen musste. Ich habe nicht nur sehr viel über Sprachbehinderungen und Sprachtherapien gelernt, sondern auch viel über Vernachlässigung von Kindern. Oft arbeiten heutzutage beide Eltern und haben abends keine Kraft mehr sich mit ihren Kindern zu beschäftigen oder gehen lieber aus und lassen ihre Kinder alleine zuhause. Wenn die Kinder dann nur noch vor dem Fernseher sitzen und nicht mit ihren Eltern reden, dann ist nicht nur ihre Sprache gestört.
Die Lehrer und Lehrerinnen der Astrid-Lindgren-Schule versuchen den Kindern die Zuneigung und Aufmerksamkeit zu geben, die sie von zuhause nicht immer bekommen. Einige meiner kleinen ABC-Schützen nannten mich manchmal liebevoll „Mama“ und wollten sogar nach der Schule mit mir nach Hause gehen.
Durch das Praktikum ist mir klargeworden, dass Kinder, also eigentlich die Zukunft der Gesellschaft, immer wieder vernachlässigt werden und dass dies ein sehr großes Problem ist.
Seit diesem Praktikum kann ich es mir sogar gut vorstellen, einmal in einem solchen sozialen Beruf, zum Beispiel als Sonderschullehrerin, zu arbeiten.



Lehren & Lernen Compassion compassion 2006-2