Compassion 2006 - Felix Klett:
Sozialpraktikum in der Psychiatrischen Klinik Bruchsal
Die Psychiatrische Klinik Bruchsal in der Heidelberger Straße ist eine Zweigstelle des Psychiatrischen Zentrums Nordbaden. Dessen Hauptsitz ist in Wiesloch. Das Konzept des PZN sieht vor, in die Gemeinden hineinzugehen. Deshalb gibt es in jeder größeren Stadt
Nordbadens eine Psychiatrie. Menschen mit psychischen Problemen haben so weniger weite Wege und können sich leichter informieren. Die Bruchsaler Klinik besteht aus drei Abteilungen, nämlich dem stationären Bereich, der Tagesklinik und der Ambulanz. Grundsätzlich werden in Bruchsal alle Fälle ohne Fremd- oder Eigengefährdung (Gewaltpotenzial oder Suizidgefahr) angenommen; andere werden direkt nach Wiesloch in die geschlossene Abteilung weitergeleitet. Die Bruchsaler Klinik strebt an, dass die Patienten so selbstständig wie möglich sind, also auch so oft wie möglich nach Hause oder in die Stadt zum Einkaufen gehen. Es ist keine geschlossene Anstalt, das heißt auch, dass die Patienten jederzeit ihre Behandlung abbrechen können. Es gibt also auch nicht die klischeehaften Zwangsjacken oder Gitter vor den Fenstern.
Ich war bei Herrn Martin Kraus, dem Sozialarbeiter der Station und der Ambulanz. Er unterstützt die Patienten unter anderem bei Problemen mit ihren Finanzen, dem Arbeitsplatz oder der Wohnung. Bei den Gesprächen mit den seelisch kranken Menschen war aber auch seine therapeutische Kompetenz zu spüren. Dazu muss man wissen, dass das soziale Umfeld eine große Rolle für die psychische Krankheit spielen kann. Nicht selten sind Schulden oder familiäre Auseinandersetzungen Auslöser von Depressionen oder ähnlichen Erkrankungen.
Gleich am ersten Tag war die große Montagsvisite, in der alle Patienten der Station erzählten, wie es ihnen am Wochenende ergangen ist. (Viele sind nämlich übers Wochenende zu Hause.) Hier sind alle wichtigen Personen vertreten: Ärzte, Psychologen und eben der Sozialarbeiter. Ich fand es sehr interessant, wie die Patienten aufgetreten sind. Manche saßen aufrecht und selbstbewusst auf ihrem Platz, so dass man gar nicht erkennen konnte, ob sie psychisch krank sind oder nicht. Andere saßen zusammengekauert in der Ecke einer Couch und gaben meistens nur einsilbige Antworten. Ich erfuhr hier, dass es in den meisten Fällen nicht nur eine einzige Diagnose gibt. Zum Beispiel war eine Alkohol- oder Drogensucht mit einer paranoiden Schizophrenie gekoppelt, Depressionen mit Schizophrenien und so weiter. Was mir auch auffiel, war, dass manche Patienten sehr objektiv mit ihrer Krankheit umgehen, andere wiederum gar nicht glauben wollen, dass sie krank sind. (Sie haben sich aber seltsamerweise immer freiwillig in der Psychiatrie gemeldet.) In der Fachsprache heißt das krankheitseinsichtig beziehungsweise -uneinsichtig. Uneinsichtige nahmen auch oft ihre Tabletten nicht ein, wohingegen eine einsichtige neurotische Patientin von sich aus vorschlug, ihre Dosis zu halbieren.
Nach der Montagsvisite ging ich mit Herrn Kraus in sein Büro und saß meistens einfach bei den Gesprächen dabei. Er erzählte mir immer die Vorgeschichte des Patienten, so dass ich mich leichter in der Situation einfinden konnte. Gleich das erste Gespräch jagte mir einen Schrecken ein: Eine Immigrantin aus Osteuropa erzählte uns von ihrem Mann. Sie schilderte uns Gewalttaten, Selbstmordversuche, Vergiftungsabsichten ihres Mannes und sogar Sexualpraktiken. Danach war ich erst einmal erschüttert, doch Herr Kraus erklärte mir, dass die Frau wahrscheinlich unter Verfolgungswahn leide und sich die Sachen nur einbilde. Er machte mich auf entsprechende Unklarheiten in ihrer Geschichte aufmerksam. Ich fand es aber dennoch beängstigend, dass diese Frau so überzeugt von dem Eingebildeten war.
Im Laufe der Woche lernte ich noch viele Patienten und Krankheitsbilder kennen, so zum Beispiel einen manisch-depressiven Mann, der gerade in seiner manischen Phase war und glaubte, er könne alles erreichen, was er sich vornehme. Er strotzte wirklich nur so vor Selbstbewusstsein. Herr Kraus erzählte mir, dass man ihn nachts gefunden habe, als er mit mehreren Promille Alkohol barfuß über die Felder gegangen sei. Das aber sei noch relativ harmlos, es gäbe Menschen, die in diesem Zustand Yachten oder Häuser kauften und sich hoch verschuldeten. Ein anderer manisch-depressiver Patient war gerade in seiner depressiven Phase. Ich hatte den Eindruck, dass ihn eine Aura tiefer Trostlosigkeit umgibt. Interessant waren für mich auch die entsprechenden Verhaltensweisen und Gesten dieser Patienten.
Über die Hälfte der Patienten der Bruchsaler Klinik sind so genannte Geronto-Fälle, das heißt über 65 Jahre alt, es gibt jedoch auch deutlich jüngere Menschen, deren Schicksal mich sehr traurig stimmte. Da war zum Beispiel ein Bewohner des Josefhauses, der ein super Abitur gemacht hat, dann erkrankt ist und jetzt wahrscheinlich den Rest seines Lebens nur noch „absitzt“. Er redete kaum ein Wort, hielt die ganze Zeit den Kopf gesenkt und hatte Angst vor Gesellschaft. Nur über deutsche Literatur konnte man ihn kriegen, dann taute er auf. Ein anderer Patient war ein junger Mann um die zwanzig, der als Kind den Kosovo-Krieg miterlebt hatte und entwicklungsgestört war. Er schaute sich zum Beispiel sehr gerne die „Augsburger Puppenkiste“ an. Herr Kraus vermittelte ihn an eine WG bei Bretten, und ich konnte die beiden begleiten, als sie zusammen mit dem Vormund des Mannes die WG besichtigten. Während der Autofahrt kam ich mit dem jungen Mann ins Gespräch, und es stellte sich heraus, dass er ein großer Wrestling-Fan ist und nach Kanada auswandern will. Er war sich gar nicht über seine Situation im Klaren und konnte nicht erfassen, dass die Chancen für die Erfüllung seines Traums mehr als schlecht stehen. Was mich später sehr nachdenklich gemacht hat, war eine Bemerkung von Herrn Kraus. Er meinte, dass dieser Wunsch des jungen Mannes wohl auch nur eine Folge seiner Krankheit ist. Ich fragte mich, was das Leben dieses Menschen lebenswert macht, wenn sein Lebenstraum nicht nur unerfüllbar, sondern auch noch Produkt eines psychischen Leidens ist? Ich glaube, die Antwort ist, dass sich dieser Mensch freuen und lachen kann. Für ihn war es zum Beispiel sehr schön, dass diese WG in Aussicht stand, und er hat sich sehr gefreut, als er eine Woche später die Bestätigung für die Aufnahme erhielt.
Was mich traurig und auch ein wenig wütend auf unsere Gesellschaft gemacht hat, war der Umstand, dass sich viele Patienten für ihre Krankheit geschämt haben. Ich glaube, dass die Vorurteile hierbei eine große Rolle spielen. Oft heißt es: Der ist doch irre, der ist in der „Klapse“, das ist ein „Alk“, der ist asozial, der nimmt Drogen. Eine psychische Erkrankung ist aber, wie der Name schon sagt, eine Krankheit - wie ein Bandscheibenvorfall auch. Als ich einmal an der Ergo-Therapie teilgenommen habe, fragte ich einen der Patienten, ob er in der Tagesklinik ist, weil ich ihn nicht kenne. Er bejahte und fragte zurück, ob ich denn stationär aufgenommen sei. Als ich ihm erklärte, dass ich ein Praktikant bin, entschuldigte er sich sofort und sagte, dass man das einem ja nicht ansieht und dass es ihm Leid tue, so über mich gedacht zu haben. Das fand ich ziemlich erschreckend.
Alles in allem hat mir das Sozialpraktikum gut gefallen und mir auch einige neue Erkenntnisse eingebracht. Ein wenig schade fand ich nur, dass ich selbst so wenig aktiv machen konnte, aber einem Praktikanten kann man eben im therapeutischen Bereich keine Aufgaben anvertrauen, weil die Verantwortung einfach zu groß ist. Ich würde das Praktikum also jedem empfehlen, der gut zuhören und beobachten kann. Praktisch wird allerdings weniger gefordert.

